Internationales Treiben auf dem sonst unbelebten Potsdamer Platz. Schon von Weitem ist das vielsprachige Stimmengewirr der Journalisten, der geduldig wartenden Zuschauer am roten Teppich und der Filmproduzenten aus aller Welt zu hören. Inmitten der internationalen Konkurrenz hatten es deutsche Produktionen in den vergangenen Jahren schwer, sich zu behaupten. Dieter Kosslick änderte den Aschenputtelstatus des deutschen Films bei Amtsantritt: Perspektive Deutsches Kino heißt die Filmreihe, die laut Leiter Alfred Holighaus, einen lebhaften Eindruck der gegenwärtigen jungen deutschen Filmszene geben soll. Trotz der sichtlich engagierten Filmteams, die nach den Premieren vor dem roten Vorhang Rede und Antwort standen, könnten die zwölf ausgewählten Beiträge in diesem Jahr auch unter dem Titel Geschichten vom große Scheitern zusammengefasst werden. Bis auf wenige Ausnahmen sind Thema und Ton der meisten Filme von einer vagen Hoffnungslosigkeit geprägt. Sie erzählen vom Scheitern des Individuums in der Gesellschaft, vom Scheitern der Kommunikation zwischen den Geschlechtern, vom Scheitern der eigenen Wünsche und Träume im Leben. Daraus entstehen Porträts von Menschen in sozialer Isolation oder in ortlosen Zwischenwelten, die anscheinend einem Grundgefühl der jungen Regiegeneration entsprechen. Exemplarisch dafür steht der Boxer in Aufrecht stehen, der es nicht schafft, Kompromisse für seine große Liebe einzugehen. »Tu, was du willst, du kriegst eh immer was auf die Fresse«, wiederholt er mantraartig und fasst damit die Erfahrung des eigenen Misserfolgs in einem simplen Satz zusammen. Auch die vier alternden und erfolglosen Protagonisten in Autopiloten haben sich zugunsten eines fernen Erfolgsideals von sich selbst entfremdet und geistern orientierungslos über die wenig exotische Autobahn im Ruhrgebiet. Eine klassische Geschichte mit Anfang und Ende wird dabei selten erzählt, meistens bleiben die Filme im Versuch stecken, das drohende Gefühl des unweigerlichen Scheiterns zu beschreiben. Selbst wenn die Konstellationen der Figuren Komik verspricht, wie es in AlleAlle anfangs der Fall ist, überfährt die gnadenlose Realität alle knospenden Hoffnungsschimmer. Am Ende bleibt lediglich die Erkenntnis, dass eine im Klo heruntergespülte Ratte doch wieder an die Erdoberfläche gelangt, sprich, dass Unkraut nicht vergeht. Es bleibt das schale Gefühl, um sein Lachen betrogen worden zu sein. Ohne Klischees, klug und einfühlsam präsentieren sich hingegen die Dokumentarfilme der Perspektive Deutsches Kino, die aktuelle Debatten aufgreifen und mit ihrer eigenen Sichtweise versehen. In minimaler Drehzeit von acht Wochen und mit einem kleinen engagierten Team schaffte es die Regisseurin Astrid Schult zu zeigen, worüber Talkmaster und Politiker nur angsterfüllt debattieren. Die »neue Unterschicht« wird in Zirkus is nich anhand ganz konkreter Bedingungen geschildert, zum Beispiel die, unter denen der achtjährige Dominik in Hellersdorf aufwächst. Zwischen Zahnarztbesuch mit der kleinen Schwester, Stress in der Schule und den Streitereien mit der sichtlich überforderten Mutter bleibt kaum Zeit, einfach Kind zu sein. Der größte Wunsch neben einem neuen Computer ist, »dass Papa endlich wieder kommt«. So einfach und so bewegend ist dieser Film, der ohne Schuldzuweisungen und Vorurteile eine erschreckende soziale Realität zeigt, die gleich nebenan wohnt. Gewonnen hat letztlich ein Film, dem es laut Jury gelingt, »die Intimität und das Wesen der Protagonisten derart zu berühren, dass die Distanz zur fremden Wirklichkeit überwunden werden kann«: Prinzessinnenbad von Bettina Blümner folgt drei jungen Mädchen aus Kreuzberg, die zwischen Kottbusser Tor und Prinzenbad ihre Zeit verbringen. Trotz Berliner Sommeratmosphäre wird deutlich, dass die drei Mädchen zwischen Pubertät und Erwachsensein an einem Scheidepunkt in ihrem Leben stehen. Alles scheint möglich. Oder doch nicht? Die Regisseurin hat in jahrelangen Vorgesprächen ein enges Verhältnis zu ihren Protagonistinnen aufgebaut, das sich im Vertrauen der Mädchen gegenüber der Kamera manifestiert. Die gängigen Klischees werden auf diese Art und Weise umgangen. Das Individuum und seine Konflikte mit der Umwelt stehen also auch bei den Dokumentarfilmen im Mittelpunkt; anders bei den Spielfilmen ist der filmische Blick jedoch klarer und legt auf simple Art und Weise die komplexen Geschichten des Alltags frei. Dass diese ungeschminkten aber liebevollen Dokumentarfilme in die deutsche Gesellschaftsdebatte eingreifen und über die nationalen Grenzen hinweg bekannt werden, das wünscht man den Bettina Blümners und Astrid Schults dieser Welt. Auf den Filmpremieren wurden sie bereits vom Publikum umjubelt. Foto (ausser Prinzessinnenbad) von Avi Levin -------------------------------------------------------------------------------- « Il y a beaucoup d'écoute » Die deutsch-französische Jury setzt junge Maßstäbe auf der Berlinale von Sophie Rudolph und Christiane Lötsch Anja Göbel und Stéphane Demoustier wären sich vielleicht nie in ihrem Leben begegnet, wenn sie nicht eine gemeinsame Leidenschaft hätten: die Begeisterung fürs Kino. Erschöpft sitzen die 26-jährige Studentin aus Lüneburg und der 29-jährige Filmemacher aus Paris im Café Paris-Berlin des DFJW: Die Aufregung der ersten Berlinale-Tage und der langen Jurysitzungen stehen ihnen ins Gesicht geschrieben. Allen Anstrengungen zum Trotz sind sie gern dabei und erzählen rencontres im Interview von ihren Erfahrungen. Welche Erwartungen hattet ihr an die Teilnahme und haben sie sich bisher erfüllt? Anja Göbel: Ich habe mich auf die Berlinale-Atmosphäre gefreut und wusste gar nicht so genau, was wir noch alles machen können. Ich hätte gar nicht damit gerechnet, dass wir neben unserer Jury-Tätigkeit auch Wettbewerbsfilme schauen und zu den Pressekonferenzen gehen können. Das finde ich super. Stéphane Demoustier: Ich glaube, dass die Auswahl der Perspektive Deutsches Kino die Möglichkeit bietet, sich ein umfangreiches Bild vom Stand des »jungen deutschen Kinos« zu machen. Das Projekt ermöglicht die Überlegungen, die ästhetischen Fortschritte und die Fragestellungen der Filmemacher zu verstehen. In dieser Hinsicht habe ich sehr große Erwartungen und brenne darauf, weitere Filme zu sehen. Ich finde, dass das junge deutsche Kino wirklich viel interessanter geworden ist. Außerdem bekomme ich mit, wie eine Jury funktioniert und es stimmt tatsächlich, dass die Auswahl immer etwas Undurchschaubares hat. Gibt es spezifisch deutsche bzw. französische Standpunkte in der Diskussion zwischen den Jurymitgliedern? A.G.: Eigentlich nicht. Bis auf den Film Autopiloten von Bastian Günther, bei dem ich argumentiert habe, das er typische Lebensverhältnisse einer deutschen Region zeigt. Ansonsten argumentieren wir ziemlich ähnlich, wir schauen uns den Inhalt und die Form an und haben immer relativ ähnliche Argumente. S.D.: Wenn es unterschiedliche Betrachtungsweisen gibt, ist das nicht auf die Nationalität sondern vielmehr auf den Werdegang zurückzuführen. Die Leute sind verschiedenster Herkunft und haben daher unterschiedliche Ansichten und Blickwinkel. Seht ihr Unterschiede zwischen dem »jungen deutschen« und dem »jungen französischen« Kino? Zum Beispiel im Hinblick auf die Themen, die Geschichten, die filmischen Mittel? S.D.: Es kommt mir so vor, als würden sich die jungen deutschen Autoren Fragen stellen, die man sich in Frankreich nicht stellt, da die Umstände in beiden Ländern ziemlich verschieden sind. Ich finde, dass im »jungen deutschen Kino« die neue deutsche Geschichte stark thematisiert wird, was den Filmen eine Schwere verleiht, die der französische Film nicht unbedingt kennt. Wir befinden uns in einer angenehmeren Lage, denn unsere jüngste Vergangenheit ist weniger einflussreich, schwerwiegend und prägend als die Deutschlands. Die Filme strahlen dank der jungen Autoren aus Ostdeutschland, die in Frankreich nicht sehr bekannt sind, die ich aber mit großem Interesse beobachte, eine gewisse Energie aus. Darin besteht der Unterschied zwischen den beiden Ländern. Gibt es eurer Meinung nach spezifisch deutsche Themen in den Filmen? A.G.: Mir ist das nur bei Autopiloten aufgefallen, der sich eine bestimmte Region aus Deutschland herausgreift und Episoden aus dem Ruhrgebiet erzählt. Die fand ich sehr treffend, die porträtieren diese Gegend sehr gut. Ich würde weniger sagen, dass dieser Film typisch deutsch ist, sondern regional. Genauso wie Prinzessinnenbad von Bettina Blümner ein Berliner Film ist. S.D.:Dennoch gibt es Themen, die in den deutschen Filmen häufig wiederkehren und eine ziemlich typische Ästhetik. In deutschen Filmen wie Montag und Ping Pong, die vor kurzem in die französischen Kinos gekommen sind, werden ziemlich gewagte Kameraeffekte und grelles Licht eingesetzt, wodurch die Aufnahmen etwas brutaler und direkter wirken. Eben dadurch zeichnet sich die Erzählart der deutschen Filmemacher aus, eine Art, die ich sehr direkt und brutal finde. Welche Wirkung haben deutsche Filme in Frankreich? Denkt ihr, dass durch die deutsch-französische Jury der Erfolg von deutschen Filmen in Frankreich steigt? A.G.: Natürlich tragen wir dazu bei, dass der von uns ausgezeichnete Film in Paris laufen wird, aber unsere Jury hat, schätze ich, keinen überaus großen Effekt. Was ich vom vergangenen Jahr gehört habe, ist allerdings, dass der Gewinnerfilm auch noch über die Deutsche Filmwoche hinaus in Frankreich gezeigt wurde. S.D.: Ich habe den Eindruck, dass der Blick auf den deutschen Film sich in der letzten Zeit gewandelt hat. Lange waren die Deutschen von Komplexen erfüllt und die Franzosen fühlten sich vom deutschen Kino, der Sprache und der Kultur keineswegs angezogen. Seit einiger Zeit werden die deutschen Filme jedoch deutlich besser aufgenommen. Das Leben der Anderen, Ping Pong und zahlreiche weitere deutschsprachige Filme kommen in Frankreich sehr gut an. Es entwickelt sich also ein Interesse am deutschen Kino und somit auch an Deutschland. Ist die Teilnahme an der Jury hilfreich für euer späteres Berufsleben? A.G.: Es ist schon eine Ehre, dabei zu sein und ausgewählt worden zu sein. Allein die Erfahrung zu machen, dass man mal Jury spielen und einen Preis vergeben darf, ist toll. In den Genuß einer Akkreditierung zu kommen und mitzukriegen, wie die Pressekonferenzen ablaufen und was hinter den Kulissen passiert. Man bekommt ein besseres Verständnis davon, wie so ein Festival funktioniert. Das ist, denke ich, schon hilfreich für die berufliche Zukunft. S.D.: Ich bin mir sicher, dass diese Erfahrung sehr nützlich für mich ist. Als Produzent oder Regisseur arbeite ich an Filmen und es ist hilfreich zu wissen, wie man zu einem Festival eingeladen wird, wie die Jury funktioniert und nach welchen Kriterien die vorgeführten Filme bewertet werden. Von diesen Erfahrungen kann ich also profitieren, wenn ich selber Filme produziere. Fotos von Avi Levin Dieses Interview in Auszügen (2,9MB) (QuickTimePlayer»Download), (WindowsMediaPlayer»Download) -------------------------------------------------------------------------------- Mehr Informationen Seit 2004 gibt es die deutsch-französische Jury, die den Berlinale-Preis Dialogue en perspective an einen Film der Sektion Perspektive Deutsches Kino vergibt. Ins Leben gerufen von der Berlinale und TV5Monde und in Zusammenarbeit mit dem Deutsch-Französische Jugendwerk soll die Jury dazu beitragen, »den interkulturellen Dialog zwischen jungen Deutschen und Franzosen zu fördern und ihnen das deutsche Kino näher zu bringen«. Der ausgewählte Film wird auf dem Festival des deutschen Films in Paris gezeigt. Die Mitglieder der Jury müssen zwischen 18 und 29 Jahren alt sein. Zu den Auswahlbedingungen gehören unter anderem das Verfassen einer Filmkritik, einer kurzen Einschätzung zum Stellenwert des deutschen Films im internationalen Vergleich und ein telefonisches Interview, um das Sprachniveau zu testen. Weiteres unter: www.tv5.org -------------------------------------------------------------------------------- »Es ist eine Kultur, die sich gerade erneuert« Mathilde Bonnefoy über Kinokultur in Deutschland und die Unterschiede zu Frankreich von Sophie Rudolph und Christiane Lötsch Die französische Cutterin Mathilde Bonnefoy wurde 1999 für ihre Arbeit an Tom Tykwers Lola rennt mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. 1972 in Paris geboren, lebt sie heute in Berlin und hat auf der Berlinale 2007 den Vorsitz der deutsch-französischen Jury übernommen, die einen der zwölf Filme aus der Sektion Perspektive Deutsches Kino ehrt. rencontres traf sie zum Gespräch im Café Paris-Berlin des DFJW. Was unterscheidet die französische Kinokultur von der deutschen? Es ist natürlich schwierig, dass auf einen Punkt zu bringen. Meine Erinnerung an die französische Kinokultur ist, dass ältere Filme präsenter waren, dass es viele kleine Kinos gab, die Kinogeschichte zeigten, Autorenfilme und vor allem Filme aus anderen Ländern, anderen Kulturen. Es hat schon immer ein großes Interesse für das iranische Kino oder afrikanische Filme gegeben. Das ist hier in Deutschland schwieriger zu finden. Das deutsche Kino hingegen ist sehr offen, eine ganz andere Art von Offenheit. Die Offenheit bezieht sich auf das, was gerade aus Deutschland kommt: eine Flut von neuen Produktionen. Momentan befinden wir uns in einer sehr interessanten Zeit des Umbruchs, in der die Stille und die Hemmungen der zehn Jahre vor und nach dem Mauerfall aufgehoben sind. Plötzlich erheben sich viele Stimmen von allen Seiten Deutschlands. Es ist eine Kultur, die sich gerade erneuert. Haben Sie Unterschiede in den Jurysitzungen beobachtet, was die Sehgewohnheiten der deutschen und französischen Jurymitglieder angeht? Ich fand es interessant festzustellen, wie einig wir uns alle sind. Die Juroren sprechen alle hervorragend die jeweils andere Sprache, so dass man sich eigentlich fließend in beiden Sprachen unterhalten kann, ohne wirklich zu merken, wer gerade dran ist. Das trägt zu dem Gefühl bei, dass die Wahrnehmung der Filme relativ vergleichbar ist. Aber es gab tatsächlich einen Film, bei dem die verschiedenen kulturellen Herkünfte eine verschiedene Wahrnehmung verursacht haben. Ich darf leider nicht sagen, welcher Film das war. Können Sie etwas über den Stellenwert des deutschen Kinos in Frankreich sagen? Ja, ich habe sogar das Gefühl, dass es in Frankreich mehr als in Deutschland ein Bewusstsein für das »neue deutsche Kino« gibt. Ich wohne hier in Berlin und habe sehr viel mit Film zu tun, weil ich Cutterin bin. Ich hatte noch nie wirklich von diesem Konzept des »neuen deutschen Kinos« gehört, außer wenn ich plötzlich von Franzosen darauf angesprochen wurde. Es ist eigentlich ein ganz neues Phänomen, weil zu der Zeit als Lola rennt in die Kinos kam, noch eine gewisse Distanz gegenüber den deutschen Kinoproduktionen der Zeit herrschte. Die Franzosen haben zum Beispiel immer Wim Wenders, Werner Herzog, Rainer Fassbinder geliebt, aber es gab trotzdem dieses Gefühl, dass das deutsche Kino nicht wirklich relevant war. Das hat sich sehr geändert und nun spricht man wirklich vom »jungen deutschen Kino« in Frankreich. Und umgekehrt, als Französin in Berlin, oder in Deutschland, wie sehen Sie die Rolle des französischen Kinos in Deutschland? Ich habe das Gefühl, dass die Kunstkino-Richtung in Frankreich hier nicht besonders ankommt. Es werden vielleicht eher die großen Erfolgsfilme wie Die fabelhafte Welt der Amélie wahrgenommen. Aber der Stellenwert des französischen Kinos ist ziemlich hoch in Deutschland und Frankreich wird sehr oft als Beispiel dafür benutzt, »wie man Dinge richtig macht«. In Kinokreisen, unter Filmschaffenden, spricht man sehr oft davon, dass die Franzosen es zumindest in Europa geschafft haben, durch ihre Gesetze und Förderstrukturen, ihr eigenes Kino zu machen. Das diente hier oft als Inspiration. Dieter Kosslick, der Berlinale-Leiter, legt seit ein paar Jahren einen wichtigen Akzent auf die deutschen Filme und das hat schon sehr positive Folgen. Fotos von Avi Levin Dieses Interview in Auszügen (2,3MB) (QuickTimePlayer»Download), (WindowsMediaPlayer»Download) -------------------------------------------------------------------------------- Aus unserer zehnten Ausgabe – 01. September Ein »Menschenfresser« in Paris Georg Stefan Troller im Interview von Kerstin Gallmeyer und Felicitas Schwarz Flucht vor den Nazis, Emigration in die USA, Rückkehr nach Europa und trotz allem eine fortwährende Verbundenheit mit der eigenen deutsch-österreichischen Kultur – vielleicht ist es die bewegte Biographie, die Georg Stefan Troller seine Schaffenskraft verleiht. Mit der WDR-Reihe Pariser Journal schrieb der Journalist und Dokumentarist in den Sechzigerjahren Fernsehgeschichte. Es folgten die ebenso erfolgreiche ZDF-Reihe Personenbeschreibung, sowie zahlreiche weitere Dokumentarfilme und Bücher. Im Interview mit rencontres spricht Georg Stefan Troller über seine Arbeit, die Bedeutung von Menschen für sein Schaffen und seine Rolle im deutsch-französischen Dialog. Was sind sie von Beruf? Wie würden Sie ihre Tätigkeit bezeichnen? Also, da fängt es schon an. Dafür gibt es keine Antwort. Ich bin kein Publizist, weil ich sehr wenig politisch arbeite. Ich bin eigentlich nicht Autor, weil ich nie, mit Ausnahme von Drehbüchern, fiktional gearbeitet habe. Ich mache vor allem Sachbücher. Ich bin Filmemacher, aber auch das hielt ich immer für zu anspruchsvoll als Ausdruck. Am ehesten noch Dokumentarist. Sowohl in den Büchern wie in den Filmen. Das ist ungefähr der geringste gemeinsame Nenner für das, was ich mache. Gibt es etwas, dass Sie speziell mit Ihren Filmen bewirken wollen? Die Realität so zu verwandeln, dass sie mir liegt, dass sie mir entspricht, dass sie Ausdruck meines Selbst ist. Also, die objektive Realität zu subjektivieren. Ich glaube schon, dass es das war, was ich wirklich machen wollte. Ohne dass ich darauf bewusst aus war, habe ich die Realität so verwandelt, dass sie zu meiner Fiktion, zu meiner Fantasie wurde. Was kann Subjektivität, was die in Dokumentarfilmen gefragte Objektivität nicht kann? Ursprünglich war nur Objektivität gefragt. Die Leute in den Sendern kamen alle mehr oder weniger von der BBC, hatten die Schule der Objektivität durchgemacht und sagten mir: »So geht es nicht.« Ich kann mich gut erinnern: Ich war der Erste und der Einzige, der je drei Grimme-Preise auf einmal gewonnen hatte. Worauf mir der Chefredakteur damals sagte: » Na, darauf wollen wir uns ja nichts einbilden.« Das was ich tat, wurde vom Sender hingenommen, weil es eben erfolgreich war und Einschaltquote brachte. Aber es wurde nicht gebilligt. Ich blieb mehr oder weniger immer ein Außenseiter. Sie stellen immer Menschen in den Mittelpunkt ihrer Sendungen und zeigen verschiedene Seiten an ihnen. Was reizt Sie an Menschen? Die so genannte Realität lässt sich natürlich am besten an individuellen Menschen festmachen. Meine Idee war es, nicht das Ereignis zu zeigen, sondern wie das Ereignis auf einen Menschen wirkt. Und das hatte ich – ich bin Theaterwissenschaftler meinem Bildungsgang nach – aus dem Theater herausgeholt. Shakespeare zeigt nicht die Eifersucht, sondern er zeigt in Othello einen Eifersüchtigen, zeigt nicht die Machtlust, sondern zeigt einen Machtlustigen. Er zeigt nicht die Rache, sondern einen von Rachegelüsten Verzerrten. Also hängte ich die großen Gefühle an Menschen auf, die ich drehte. Was hat Ihnen persönlich das Zusammentreffen mit den verschiedenen Menschen gebracht? Was haben Sie für sich daraus gezogen? Natürlich Verständnis für den Menschen, für die menschliche Psychologie. Auch Toleranz für den Menschen, weil letztlich bei mir jeder Recht hat, auch wenn sich die einzelnen Leute widersprechen. Aber die Hauptantriebsfeder muss die innere Notwendigkeit gewesen sein, mich selbst zu retten. Mich selber aus der Lähmung, aus dem Unbeteiligtsein, aus der Angst vor dem menschlichen Kontakt zu retten. All das waren Resultate von Krieg und Emigration. Sie bezeichnen den Dokumentaristen als Menschenfresser. Was meinen Sie genau mit dem Begriff, mit diesem Bild? Ich habe mal mit Menschenfressern auf den Neuen Hebriden gedreht. Sie verspeisen ihre Feinde, um sich ihre Stärke anzueignen. Der Fernseh-, Portraitfilmer verspeist die Leute, mit denen er dreht, um sich ihre Lösungen den Lebensproblemen gegenüber einzuverleiben. Er lernt wie man mit Trauer und Frust und so weiter fertig werden kann, was man damit anfangen kann, um sich wieder menschlich zu machen oder auch um Erfolg zu haben. Das lernst du von den anderen. Sie haben oft sehr provokative Fragen gestellt und die Leute im Interview überrascht. Wie waren die Reaktionen von den Menschen, die Sie interviewt haben? Sind sie immer an die Menschen herangekommen? Man hat sich oft genug blamiert, man hat sich geirrt, man hat die falschen Fragen gestellt, man ist zu schnell – ich bin ein ungeduldiger Mensch – an die eigentlichen Fragen heran gegangen, statt die Leute zuerst einmal in Sicherheit zu wiegen. Klar, man hat Fehler gemacht und ich habe auch viel aufgeben müssen, weil ich Fehler machte. Aber provozieren ist des Filmemachens Lust – irgendeinen Spaß muss man ja bei der Sache haben. Was unterscheidet Sie von anderen Dokumentarfilmern? Ich habe Kollegen, die ich sehr bewundere und die ich für weitaus besser halte als ich es bin. Was mich unterscheidet, ist eine gewisse Unverfrorenheit, eine gewisse Respektlosigkeit den Leuten gegenüber, mit denen ich filme – was eine angenommene Haltung ist, weil in Wirklichkeit mein Respekt ungeheuer ist. Sehen Sie sich selbst als Vermittler zwischen Deutschland und Frankreich? Nicht hauptberuflich. Natürlich war das immer eine Sache, die mich interessiert hat – die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland. Anderseits kam ich aus einer Vergangenheit heraus, wo in meiner werten Anwesenheit die Deutschen Frankreich besetzt gehalten haben. Diese Beziehungen waren ja nie unbelastet. Und diese Belastung trug ich auch selber in mir. Mein Hauptanliegen war eigentlich, mir selbst Paris lebbar und erlebbar zu machen. Das Übrige waren Seiteneffekte, Nebeneffekte, mit denen ich persönlich keine Absicht verband. Sie haben, nach allem was die Deutschen Ihnen angetan haben, trotzdem etwas für den deutsch-französischen Dialog getan. Wie kamen Sie dazu? Das geht auf die Emigranten-Psychologie zurück, die ja für unsereins auch aus kulturellem und sprachlichem Heimweh bestand. Diese geistige Heimat hat man ja nicht verloren durch die Emigration. Der Dauerbezug auf den deutschen Kulturkreis war trotz meiner Jugend in mir lebendig geblieben. Und den französischen Kulturkreis dem deutschen Kulturkreis nahe zu bringen, war ein bei mir anfangs unbewusstes Anliegen, das ich nachher zu einer Absicht ummodelte. Sie haben oft die Frage gestellt: »Sind Sie glücklich?« Wir möchten die Frage etwas abwandeln und Sie fragen, ob Sie sagen können, dass Sie glücklich sind mit dem, was Sie an filmischem, literarischem Werk geschaffen haben? Je nach Stimmung. Es gibt Momente, wo ich mir sage: »Ganz schön toll, was du da gemacht hast.« Und dann gibt es die Momente der Wahrheit, wo ich mir sage: »Mein Gott, wozu warst du nicht alles vorbestimmt und hast aus Latschigkeit, aus Faulheit, aus Angst nicht getan, was du eigentlich hättest tun sollen?« Wir danken Ihnen für das Interview. Der Dank gilt auch dem deutschen Kulturzentrum Heinrich Heine in Paris, der Fachrichtung Romanistik der Universität des Saarlandes und dem Studiengang Journalisme franco-allemand der Université Paris III, die das Interview mit Georg Stefan Troller im Rahmen eines gemeinsam organisierten Workshops im Januar 2006 im Maison Heinrich Heine in Paris ermöglichten. Zur weiterführenden Lektüre: Troller, Georg Stefan: Ihr Unvergesslichen – 22 starke Begegnungen. Düsseldorf, Artemis & Winkler, 2006. Troller, Georg Stefan: Pariser Journal: Ein Buch für Liebhaber und Eingeweihte. Hamburg, Marion von Schröder Verlag. 1966. Troller, Georg Stefan: Personenbeschreibung – Tagebuch mit Menschen. München, ungekürzte Ausgabe, Deutscher Taschenbuch Verlag, 1993. Foto Portrait © WDR -------------------------------------------------------------------------------- Kurzbiographie • Am 10. Dezember 1921 wurde Troller in Wien als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren. • 1938 nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland flüchtete er mit seiner Familie über Prag nach Paris. • 1941 gelang ihm die Ausreise in die USA. • 1943 kehrt er als amerikanischer GI mit der US-Armee nach Europa zurück. • 1945 versuchte er zunächst sich wieder in Österreich niederzulassen, fand jedoch in Wien keine Heimat mehr und kehrte zum Studieren in die USA zurück. • 1946–1949 studierte er zunächst Anglistik an der University of California und anschließend Theaterwissenschaft an der Columbia University in New York. • 1949 erhielt Troller ein Fulbright-Stipendium für die Sorbonne in Paris. Statt die Universität zu besuchen, machte er erste journalistische Erfahrungen als Hörfunkreporter für den Rundfunk im Amerikanischen Sektor von Berlin (RIAS). Ende der Fünfzigerjahre begann Troller als Fernsehreporter für den Südwestfunk zu arbeiten. • 1962–1971 produzierte er das legendäre Pariser Journal für den Westdeutschen Rundfunk (WDR). • 1971 wurde er Sonderkorrespondent des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) in Paris. • 1972–1993 produzierte er die ZDF-Fernsehreihe Personenbeschreibung. • Seit Anfang der Neunzigerjahre offiziell pensioniert, dreht Troller weiter Filme und veröffentlicht Bücher. -------------------------------------------------------------------------------- Aus unserer neunten Ausgabe – 15. Juli 2006 Frieda, Frankreich, Film von Wenke Wegner Filmkritik findet in Deutschland wenig Aufmerksamkeit. Man schlägt die Zeitung auf oder liest schnell im Internet nach um zu entscheiden, für welchen Film sich der Preis der Kinokarte lohnt. Filmkritik als Service für den Kunden. Nur selten stößt man auf eine Filmkritik, die sich als ernstzunehmender Journalismus oder gar eigene Literaturform begreift. Fragt man die Autoren solcher Texte nach ihren Vorbildern, fällt auffällig oft der Name Frieda Grafe und der Hinweis auf Frankreich. Zu Recht – denn Frieda Grafe war bis zu ihrem Tod 2002 zweifellos die Diva der deutschen Filmkritik. Anfang der 1930er geboren, schreibt sie ab 1961 Texte zu Filmen, zuerst für die Filmkritik, ab 1972 für die Süddeutsche Zeitung und die Zeit. Die Lust am Schreiben findet Grafe während eines Auslandssemesters in Paris. Die intellektuelle Kultur dieser Stadt bleibt für Grafes Filmkritik auch in den 40 darauf folgenden Jahren prägend. In einem Lebenslauf schreibt sie 1964: »Erste ernsthafte Berührung mit dem Film in Paris, wo man mir an der Sorbonne das Studium von Murnau zum besseren Verständnis des deutschen Expressionismus empfahl.« Nach ihrem ersten Text zu den Filmen von Resnais veröffentlicht Grafe 1962 eine Filmkritik zu Godards Vivre sa vie (Die Geschichte der Nana S.). Das ist kein Zufall. Neben Murnau und Ophüls lernt Grafe in der Pariser Cinémathèque die Filme der Nouvelle Vague kennen, als deren deutsche Fürsprecherin sie sich fortan während der vierzig Jahre ihres Schaffens fühlt. Sie öffnet ihren Lesern neue Zugänge zu den Filmen, denen selbst die linke Filmkritik in der BRD bis dahin ausschließlich ihren elitären Kunstbegriff nachgewiesen hatte. Grafe hingegen beschreibt in ihrem Text die erste Szene des Films und benennt genau, was die Bilder und der Ton sicht- und hörbar machen. Aus diesen ersten Einstellungen leitet sie »ein ästhetisches Programm« des Films ab. Anders als die verbreitete Methode der soziologischen Filmkritik stülpt sie dem Film also keine ihm äußere Sicht über, sondern argumentiert aus ihm heraus und wirbt für ein Verständnis der dem Medium Film eigenen Gestaltungsmittel. In Frankreich trifft Grafe auf eine Kinokultur, die sich nicht auf das Ansehen von Filmen beschränkt. Sie schließt ein Weiterverarbeiten der Filme ein, eine Filmkritik, mit der die Filme aus den Kinos heraus getragen werden. »Der haut goût, der mit meiner Schreiberei zusammenhing, der kam von den Cahiers.« Die Cahiers sind die Cahiers du Cinéma, eine im Dunstkreis der Cinémathèque erscheinende Filmzeitschrift, in der Grafes Vorbilder Godard, Truffaut, Rivette ihre Texte veröffentlichen. Film-Verrisse zu schreiben hat sie nie interessiert. »Das war bei mir die Übernahme der Haltung der Franzosen.« Grafe zieht es vor, »ohne zu werten« die Unterschiede zwischen dem einen und dem anderen Kino zu beschreiben. Nur indirekt ergibt sich eine Wertung aus den Lücken: den geschichts- und filmgeschichtsvergessenen Produktionen des deutschen Nachkriegskinos schenkt sie keinen Schreibmaschinenanschlag. Spannende Filme verlangen in ihren Augen »Kinobildung«. Auch dazu verweist Grafe auf Frankreich: »Man braucht sie [die Kinobildung] zum Verständnis [der] Filme [der Nouvelle Vague], wie man die Kenntnis der Rhetorik braucht zum Verständnis von Racine. Diese Regisseure machen ihre Filme mit dem Wissen aus all den Filmen, die sie zuvor gesehen haben.« Die Erfahrungen in Frankreich wirken für Frieda Grafe wie ein Anstoß, für deutsche Leser das Kino mit einer neuen Wahrnehmung zu würdigen. Den Film aus einer Betrachtung herauszuholen, die sich in erster Linie für den erzieherischen, moralischen oder politischen Wert oder Unwert des Filminhalts interessiert, kann als Antrieb ihres Schreibens gelten. Grafe entdeckt in der Filmkritik neue Inhalte und eine neue Art des Schreibens, des Stils. Auch daran sind französische Einflüsse nicht unbeteiligt. Grafe ist stark vom Denken poststrukturalistischer Theoriker wie Roland Barthes und Julia Kristeva beeinflusst. Sie liest deren Bücher zu einem Zeitpunkt, als diese Autoren in Deutschland höchstens an den Unis in konspirativen Zirkeln diskutiert werden. In ihren Kritiken überträgt Grafe diese neue literaturwissenschaftliche Theorie und Methode auf Filme. Wobei das »wissenschaftliche« der Teil an dem Satz ist, der sie stören würde: Grafe macht ihren Zweifel an herkömmlichen Begriffen von Wissenschaft und Bildung unüberlesbar. Nichts eignet sich dazu als Gegenstand besser als das Popkulturmedium Film. Wenn Grafe 1972 in der Süddeutschen Zeitung eine Ode an das populäre Hollywood-Kino John Fords schreibt, reicht die Thematik des Artikels aus, um die unter der Leserschaft vorherrschenden Erwartungen an eine »Kulturkritik« zu unterlaufen. Aber Grafe treibt es mit trotzigen Formulierungen auf die Spitze und schwimmt mit der französischen neuen Welle gegen den Strom der deutschen Universitätskultur: »Nirgends kann man seine Reaktionen so gut überprüfen wie in einem Ford-Film. Wie weit einem die eigene Verbildetheit, die intellektuelle, gestattet, mitzugehen.[...]Zu einem Ford-Film gehört das Aufheulen des pseudogebildeten Publikums, wenn im Wagon-Master eine Szene ausläuft in ein Lied. Wenn Harry Carey jun. reitet und singt: ›I left my gal in West-Virginnie … ‹ « (Grafe in der SZ, 1972) Um sich filmisches Spezialwissen verfügbar zu machen, fahren Frieda Grafe und andere Autoren der Zeitschrift Filmkritik regelmäßig mit dem Nachtbus von München nach Paris. Ziel dieser Eskapaden sind die Kinosäle. Es ist nicht ohne Neid, wenn Grafe schreibt: »Rivette und Godard sollen am Tag des Programmwechsels in den Pariser Kinos immer an die zehn Filme absolviert haben.« Aus Grafes Texten – für den deutschen Schriftsteller Klaus Theweleit zählen sie zu den ersten nachkriegsdeutschen Stimmen, »die nicht nach Fascho, Heimat und Enge rochen.« – spricht eine für deutsche Verhältnisse seltene Kinoliebe und Kinogenauigkeit. Dank Frieda Grafe erscheinen Godards, Truffauts und Renoirs Bücher auf Deutsch. Zum Glück publiziert nach Grafes Tod 2002 die französische Filmzeitschrift Trafic einige ihrer Texte. Re-Import eines seltenen deutsch-französischen Produkts. -------------------------------------------------------------------------------- Aus unserer neunten Ausgabe – 15. Juni 2006 »Ihr werdet eine Bombenzeit haben!« von Nadja Dumouchel Als Christian Ditter den Film La Boum – die Fete sah, verliebte er sich als Jugendlicher in Sophie Marceau und wurde für immer Frankreichfan. Es folgten zahlreiche Besuche im Nachbarland und ein Studium an der Filmhochschule München. Inspiriert von seinen ersten Erfahrungen in Frankreich, drehte er seinen Abschlussfilm, der zugleich sein Debütfilm wurde, und der seit dem 8. Juni in den Kinos zu sehen ist. Nadja Dumouchel sprach mit ihm über das Abenteuer vom deutsch-französischen Filmemachen. Wie war es für Dich als deutscher Regisseur zugleich mit deutschen und französischen Schauspielern zusammenzuarbeiten? Wir haben bei Französisch für Anfänger zur Hälfte deutsche und französische Schauspieler. Im Grunde ist die Arbeit mit Schauspielern unabhängig von der Sprache sehr ähnlich. Man muss sie in die Situationen versetzen, ihnen die Emotionen erklären und ein Umfeld für sie schaffen, damit sie die jeweilige Szene durchleben können. Die Verständigung lief mit den Franzosen zunächst auf Französisch, bis ich gemerkt habe, dass sie immer breiter anfingen zu lächeln, auch wenn ich gar nichts Lustiges gesagt habe. Ich habe es dann lieber auf Englisch probiert oder meinen Regieassistenten übersetzen lassen, der zweisprachig war. Es war so wie bei jedem Frankreichaustausch: Man versucht, wie weit man mit Französisch kommt, und fängt dann an, auf Englisch zu übersetzen. Das war schon vor zehn Jahren so, als ich selber im Austausch war. War das Drehen in Frankreich anders als in Deutschland? Das Drehen in Frankreich war insofern besonders, als dass es für das ganze Team und für die Darsteller auch eine Reise war. Da war hinter der Kamera genauso ein Austausch wie vor der Kamera. Wir haben alle gemeinsam in einer Feriensiedlung gewohnt. Es war ein ganz komischer Mix aus Ferienstimmung abends und harter Arbeit tagsüber. Das Team ist dadurch sehr zusammengewachsen, das war sehr schön. Glaubst Du, dass es für Teenager ein gutes Alter ist, um anderen Kulturen zu begegnen? 14, 15, 16 ist ein super Alter, um überhaupt andere Leute und auch andere Kulturen kennenzulernen. Es ist extrem bereichernd. Vor meinem ersten Auslandsaufenthalt wusste ich auch nicht, was kommt. Ich hatte keinen Bock und wusste nicht, was ich da sollte. Aber ab dem ersten Tag war es bombig! Man trifft andauernd neue Leute, ist in Ferienstimmung, und es ist toll. Ich kann es nur jedem Teenager empfehlen. Haut ab! Am besten irgendwohin, wo es warm ist – also Südfrankreich ist schon nicht schlecht – und ihr werdet eine Bombenzeit haben. Hat Französisch für Anfänger einen Völkerverständigungsanspruch zwischen Deutschland und Frankreich? Französisch für Anfänger ist kein Film, der mit der klaren Message »Jugendliche aller Länder, vereinigt euch!« oder so. Es ist ein Film über das Teenageralter. Da gehört die Erfahrung, Jugendliche aus anderen Ländern kennenzulernen natürlich dazu. Henrik, der Hauptdarsteller, der wegen seiner Angebeteten Valérie nach Frankreich fährt und eigentlich gar keine Lust darauf hat, steht auch vor Ort den Franzosen sehr skeptisch gegenüber. Nach und nach merkt er aber, dass die auch cool sind und was zu bieten haben an »savoir-vivre«. Er kann viel von diesem Lebensgefühl mitnehmen und lernen. Am Ende hat er sich natürlich mit der französischen Gruppe angefreundet. Es war zwar nicht das primäre Ziel, aber wenn Jugendliche nach dem Film sagen, »Ich fahre morgen nach Frankreich«, dann haben wir total gewonnen. Hast Du in Deinem Film eher Klischees gebrochen oder bestätigt? Französisch für Anfänger ist eine Komödie. Aber wir wollten uns auf gar keinen Fall über die erste Liebe lustig machen, denn das ist das ernste Thema im Film. Die meisten Witze und Missverständnisse entstehen durch die Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen. Natürlich haben wir mit Klischees gespielt und sie bedient, aber nur solche, die ihren Anker auch in der Realität haben. Denn die meisten bestätigen sich, wenn man in das Land fährt – auch Vorurteile über Deutsche. Und die gehören in einem Film, der von einem Clash der Kulturen handelt, einfach dazu. Mit anderen Klischees wird aber auch gebrochen. Insgesamt hat der Film zum Ziel, realistisch mit der Eigenart der Kulturen umzugehen. Welche Klischees sind das in dem Film? Der Film lebt sehr von Details, zum Beispiel, dass die Franzosen das Brot lieber brechen und die Deutschen es lieber schneiden. Dass Franzosen den Kaffee in den Kühlschrank und Deutsche ins Regal stellen. Also Kleinigkeiten, die zunächst gar nicht auffallen, aber zu Irritationen führen können. Henrik hat seine eigenen Klischeevorstellungen von Frankreich und als dann beim Frühstück eine Weinflasche herumgeht, versteht er nicht, dass die Gastmutter damit erklären will, dass sie an dem Tag eine Weinprobe machen und die Flasche nur zur Illustration zeigt. Er denkt, er soll den Wein nehmen und ihn sich ins Müsli kippen. Vieles missversteht er also und tut Dinge, von denen dann die Franzosen denken, dass es verrückt sei. Du hast für Französisch für Anfänger Filmförderung aus verschiedenen Töpfen bekommen. Was war für die Filmförderer der interessante Aspekt an Deinem Film? Die Filmförderung bei Französisch für Anfänger hat schon sehr früh angefangen, schon in der Drehbuchphase, als ich den Abriss der Idee an die Filmförderungsanstalt des Bundes (FFA) geschickt habe und die schon die Erstellung des Drehbuchs gefördert haben. Danach haben wir Produktionsförderung beim Filmfernsehfond Bayern beantragt, bei der FFA, bei internationalen Filmförderungen wie zum Beispiel Eurimages, und auch französische Regionalförderung. Ich habe von verschiedenen Seiten die Rückmeldung bekommen, dass das Drehbuch sehr gut ankam. Die Leute hatten den Eindruck, dass Jugendliche ernst genommen werden. Die Musik ist unter anderem von Wir sind Helden. Warum wolltest du unbedingt ihre Lieder in deinem Film haben? Ich bin ein großer Fan von Wir sind Helden. Wir haben schon beim Dreh und dann beim Schnitt die ganze Zeit ihre Lieder gehört. In dem Film hören die Jugendlichen sehr viel Musik. Da war es nur realistisch, dass sie Wir sind Helden hören. Die Band gehört bei Jugendlichen in der deutschen Kultur einfach dazu. Im Film haben wir einen Song von ihnen auf Französisch, der heißt Le vide, es ist das Lied Von hier an Blind. Das soll auch in Frankreich veröffentlicht werden. Wird der Film in Frankreich laufen? Er wird in Frankreich in die Kinos kommen. Der Film ist aber schwierig zu synchronisieren, denn er bezieht seinen ganzen Witz aus dem Unverständnis: dass Henrik die Franzosen missversteht, dass die Franzosen die Deutschen nicht verstehen und so weiter. Wenn man den Film synchronisiert, geht viel von diesem Witz verloren. Eigentlich kann der Film in Frankreich nur mit Untertiteln laufen, und das macht ihn automatisch zu einem kleinen Arthouse-Film im Gegensatz zu Deutschland, wo er vorwiegend in den Multiplexen laufen wird. Ich glaube für Franzosen ist es nicht pauschal »sexy«, wenn ein deutscher Film in ihren Kinos läuft. Die denken dann: »Was sollen wir damit? Wir haben ja unsere eigenen Filme.« Wird es weitere Filme von Dir über Frankreich geben? Auf jeden Fall. Ich kann noch viel über Frankreich erzählen. Als nächstes werde ich mich allerdings anderen Themen widmen, denn es gibt ja viele Dinge, die interessant sind in dieser Welt. Frankreich ist sicherlich eines der Interessantesten aber nicht das Einzige. Fotos und weitere Informationen auf www.franzoesisch.film.de Artikel zu Wir sind Helden in der Rubrik Kultur/Musik Den Trailer mit dem Apple QuickTime Player ansehen (2,5MB) Den Trailer mit dem Windows Media Player ansehen (2,5MB) Das Interview in Auszügen anhören (2,5MB) -------------------------------------------------------------------------------- Filminhalt Französisch für Anfänger ist ein Film über Sommer, erste Schmetterlinge im Bauch und über den Clash der Kulturen bei der Begegnung zwischen deutschen und französischen Jugendlichen. Den Hauptdarsteller Henrik (François Göske) interessiert Frankreich überhaupt nicht, bis er sich in die Halbfranzösin Valérie (Paula Schramm) verliebt. Mit dem Ziel, ihr näher zu kommen, lässt Henrik sich auf eine Frankreichreise mit einem deutsch-französischen Austauschprogramm ein. Dort angekommen ist Henrik sehr schnell vom Savoir-vivre der Franzosen angesteckt, auch wenn ihm seine Gastfamilie zunächst gewöhnungsbedürftig erscheint. Henriks Unkenntnis der französischen Sprache führt zu absurden Situationen. Aber die Jugendlichen beider Länder schaffen es schließlich, das gegenseitige Unverständnis zu überwinden und finden Wege, miteinander zu kommunizieren. Der junge Regisseur Christian Ditter hat einen Film über seine eigenen Erfahrungen im Nachbarland gedreht. Mit Witz erzählt er die Geschichte eines deutsch-französischen Erlebnisses und zeigt, dass Frankreich für deutsche Jugendliche immer noch absolut spannend ist und ein Austausch unvergessliche Momente bietet. -------------------------------------------------------------------------------- Kurzbiographie Der Regisseur und Drehbuchautor Christian Ditter wurde 1977 in Gießen geboren und verbrachte seine Jugend in Gütersloh. Nach seinem Abitur absolvierte er diverse Praktika bei Filmproduktionen und drehte eigene Kurzfilme, bis er 1998 an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München angenommen wurde. Christian Ditters erster HFF-Kurzfilm Verzaubert gewann Preise bei nationalen und internationalen Filmfestivals. Auch sein Kurzfilm Grounded lief erfolgreich auf Festivals im In- und Ausland. Im vergangenen Sommer arbeitete er als Regisseur für die RTL-Comedy-Serie Schulmädchen. -------------------------------------------------------------------------------- Aus unserer achten Ausgabe – 01. Mai 2006 Länderliebe – Filmbilder: Kino als Spiegel nationaler Identität von Christiane Lötsch Als Louis Lumières 1895 dem Kino zu seiner Geburt verhilft, sind die bewegten Bilder von den Mitarbeitern seiner Fabrik mehr ein technisches Experiment als ein künstlerisches Werk. Erst in den Zwanzigerjahren entwickelt sich das Kino zu einem Massenmedium, das die Zuschauer in ganz Europa begeistert. Obwohl der Film zunächst als technische Neuheit und wirtschaftliche Einnahmequelle wahrgenommen wird, betonen vor allem französische Filmemacher – wie die impressionistische Avantgarde um Abel Gance – die künstlerischen Aspekte und etablieren den Film als »siebte Kunst«. Diese Mischung aus Pragmatismus und künstlerischem Anspruch hat in Frankreich eine Filmförderungskultur etabliert, die der Kinolandschaft Qualität und Vielfalt garantiert. Die « exception culturelle », die den Film unter den besonderen Schutz des Staates stellt und ihm somit künstlerische Freiheit gewährt, findet weltweite Beachtung. Die Vorstellung des Films als wirtschaftliches Produkt, wie es in den USA der Fall ist, wird in Frankreich abgelehnt. Die französische Tradition, das Kino als einen Ort des eigenen kulturellen Ausdrucks zu begreifen, als Plattform für aktuelles Zeitgeschehen, historische Perspektiven, künstlerische Experimente oder soziale Konflikte und somit ein Stück zum nationalen Selbstverständnis beizutragen, verweist auf die Vorstellung vom Film als ein Mittel zur nationalen Identitätsbildung und nicht als kulturelle »Ware«. Diese Einstellung erklärt die Bemühungen der französischen Regierung und die Förderungsgesetze, die vorschreiben, dass vom Preis jeder Kinokarte elf Prozent wieder in neue Filmproduktionen investiert werden müssen. So tragen selbst Erlöse aus ausländischen Produktionen, welche in französischen Kinosälen auf die Leinwand kommen, zur Nachwuchsförderung bei und ermöglichen eine permanente Innovation der französischen Kinolandschaft. In Deutschland entwickelt sich der Film Anfang des 20. Jahrhunderts ebenso rasch wie in Frankreich. Die Brüder Skladanowsky führen bereits 1895 im Wintergarten Berlin »Lebende Photographien« mit Hilfe eines Bioskops auf, auch wenn sie mit dem technischen Einfallsreichtum der Brüder Lumières nicht mithalten können. Die demokratische Struktur der Weimarer Republik fördert auch die künstlerische Entwicklung des deutschen Films. Der Expressionismus inspiriert Filmschaffende in der ganzen Welt und ist Anstoß für die philosophische und publizistische Beschäftigung mit dem Medium Film, wie die Werke von Siegfried Kracauer, Bela Balazs oder Lotte H. Eisner zeigen. Das Regime der Nationalsozialisten unterbricht diese Entwicklung jedoch auf brutale Weise: Die Filmkritik wird 1936 verboten, das Kino unter Joseph Goebbels als Propagandainstrument genutzt und wichtige Filmschaffende jüdischer Herkunft ins Exil gezwungen. Von diesem Einschnitt erholt sich der deutsche Film lange Zeit nicht. Das Kino als Ausdruck einer nationalen Identität ist undenkbar geworden, zumal die politische Teilung Deutschlands die Bildung dieser verhindert. Die Bilder der Wirklichkeit sind zu schmerzhaft, als dass sie in deutschen Filmproduktionen Widerhall finden würden. Erst im Zuge der 68er Bewegung und den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen erfindet sich der deutsche Film neu. Regisseure wie Alexander Kluge, Volker Schlöndorff, Rainer Werner Fassbinder oder Wim Wenders hinterfragen die deutsche Gesellschaft und stellen ihre Kleinkariertheit, Fremdenfeindlichkeit und Ängstlichkeit bloß. Leider verliert sich dieser sozialkritische Ansatz in den leichten Komödien der Neunzigerjahre. Nach langer Abwesenheit macht der deutsche Film nun wieder international von sich reden – und das nicht nur mit Unterhaltungsfilmen wie dem Klassiker Lola rennt, sondern auch mit solchen, die nationale Identitätsfragen aufwerfen wie Good Bye, Lenin!, Nirgendwo in Afrika, Berlin is in Germany oder Sonnenallee. Die Wiedervereinigung und die damit verbundenen innerdeutschen Probleme werden diesmal nicht tabuisiert, sondern mit ironisch-komödiantischem Unterton und Bezug zur individuellen Geschichte verfilmt. Der Mut zur eigenen (zuweilen problematischen) Geschichte und deren Aufarbeitung gegen alle Tabus könnte also eine Chance für die Entwicklung des deutschen Kinos sein und die Lücke zum Nachbarland schließen. Zur weiterführenden Lektüre www.frankreich-forum.de Christian Bathail, Cinéma et exception culturelle, Dualpha 2005,184p, €24,00, ISBN : 2-915461-38-4 Alexander Kluge, Michael Dost, Florian Hopf, Dieter Prokop, Filmwirtschaft in der BRD und in Europa. Götterdämmerung in Raten, 207 Seiten, Hanser, München, 1984, ISBN: 3446117563 DVD, Die Gebrüder Skladanowsky/Arisha der Bär und der steinerne Ring, Wim Wenders Edition, 103min, 2006, Arthaus Animation Max und Ernst Skladanowsky, 1895 © SAPO media Dieser Artikel als Hördatei (2,3MB) -------------------------------------------------------------------------------- Aus unserer achten Ausgabe - 01. März 2006 Von sozialen Realitäten und poetischen Bildern – die 56. Berliner Filmfestspiele aus der deutsch-französischen Perspektive von Christiane Lötsch Einen Überblick der Berlinale zu geben, ist ein schwieriges Vorhaben: Allein im Wettbewerb waren 26 Filme zu sehen; die anderen Sektionen außerhalb des Wettbewerbs, darunter Forum, Panorama, Retrospektive, Kinderfilmfest/14plus, Berlinale Special, German Cinema, Teddy Twenty Tribute und Perspektive Deutsches Kino, umfassten zusätzlich 334 Beiträge. Am Ende stand eine runde Anzahl von 360 Filmen aus aller Welt, die in insgesamt 1115 Vorführungen gezeigt wurden. Ich habe mich deshalb in der Filmauswahl auf die deutschen, französischen und frankophonen Beiträge beschränkt. Die Verfilmung von Michel Houellebecqs Elementarteilchen fügte dem Wettbewerb eine deutsch-französische Note bei. Der Roman, der 1999 die französische Gesellschaft polarisierte, durfte nach langen Verhandlungen von Oskar Roehler verfilmt werden. Daraus ist ein Film entstanden, der durch die Verlegung der Handlung ins sommerliche Berlin, durch das eingebaute (fast) Happy End und durch die triefende musikalische Untermalung zu einem unspektakulären Melodrama über die sexuellen Schwierigkeiten zweier Brüder wurde. Die explosive These Houellebecqs, Gentechnik als Alternative zum Zwang der sexuellen Reproduktion zu benutzen, wurde leider nur noch fragmentarisch angedeutet. Der fast naiv anmutende Ausspruch des Produzenten Bernd Eichinger »Gesellschaftskritik ist nicht verfilmbar« erklärt die Gleichgültigkeit des Filmes gegenüber sozialpolitischen Entwicklungen und dies nicht nur der französischen Gesellschaft. Neben Oskar Roehler wurde auch anderen jungen deutschen Regisseuren die Chance geboten, sich und ihre Filme zu präsentieren. Franka Potente, als Schauspielerin längst anerkannt, debütierte als Regisseurin mit dem Stummfilm Der die Tollkirsche ausgräbt, in dem sich die Tochter einer bürgerlichen Familie in Geldnot in einen – sprechenden – Punk verliebt, der quasi direkt von der Straße in die aufgeregte Stummfilmwelt geraten zu sein scheint. Abgesehen von diesem visuell außergewöhnlichen Kurzfilmexperiment waren soziale Realitäten ein wichtiges Anliegen der deutschen Beiträge. Henner Wincklers Lucy porträtiert eine allein erziehende Mutter im Teenageralter, die trotz der gewissenhaften Erfüllung ihrer mütterlichen Pflichten noch lange nicht erwachsen wird. Knallhart thematisiert die Probleme türkischer und deutscher Jugendliche in Berlin-Neukölln, die sich durch kriminelle Machenschaften in ausweglose Situationen manövrieren und die Konsequenzen in aller Härte tragen müssen. Detlev Buck trifft dabei präzise die sozialen Zwischentöne und vermeidet ein vorschnelles Urteil des Zuschauers. Die Regisseure Marc Bauder und Dörte Franke begleiten in dem Dokumentarfilm Jeder schweigt von etwas anderem die Familien inhaftierter Staatsfeinde der DDR, die durch Veröffentlichungen oder Aktionen der »staatsfeindlichen Hetze« angeklagt waren. Durch geschickte Auslassungen im Schnitt und Inhalt gelang den Regisseuren ein einfühlsames Porträt der Familien, die noch heute mit den stillgeschwiegenen Nachwirkungen dieser extremen Erfahrung zu kämpfen haben. Wenn Festivalleiter Dieter Kosslick seine Auswahl als »realitätsnah«, »sehr persönlich« und »politisch« charakterisierte, dann traf der Ausspruch auf diese deutschen Beiträge durchaus zu. Die französischen und frankophonen Filme entzogen sich jeder Art von Kategorisierung, da sie die inhaltliche Aussage oft zugunsten einer gefühlsgeladenen Poesie der Bilder aufgaben. Brice Cauvin lässt in De particulier à particulier (Hotel Harabati) ein Ehepaar einen mysteriösen Koffer mit ausländischer Währung finden, der den Alltag der Familie völlig durcheinander bringt, bis sie mit religiös aufgeladenen Bildern wieder zueinander findet. Camping Sauvage (Wild Camp) von Christophe Ali und Nicolas Bonilauri benutzt das Sinnbild der jungen Schönheit mit Lolita-Charme und des alternden Mannes mit Familie, um wieder einmal die Geschichte einer unmöglichen Liebe zu erzählen, die am Ende stark an Romeo und Julia erinnert. Leider bleiben sowohl Dialoge als auch Dramaturgie in ihrem kulturhistorischen Referenzsystem gefangen und münden in einer mit Klischees überladenen Liebesgeschichte. Von allen filmischen Konventionen befreit und doch voller kultureller Tiefe hingegen präsentiert sich Là-bas (Down There) von Chantal Akerman. Aufnahmen von Häuserfassaden in Tel-Aviv werden gezeigt, um durch eine unsichtbare Erzählstimme das komplizierte Verhältnis zwischen Juden und ihrem Staat Israel zu erklären. Das wiederholte Bekenntnis »I feel disconnected« resümiert nicht nur den Bruch zwischen Bild und Ton, sondern auch das Lebensgefühl eines Volkes, das sich im eigenen Staat nicht zu Hause fühlen kann. Lediglich Claude Chabrols L'ivresse du pouvoir (Geheime Staatsaffären) mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle kann es sich erlauben, undurchschaubar zu wirken, um die unaufgeregte Skrupellosigkeit und Geldgier mancher Firmenbosse zu demonstrieren. Parallelen mit einigen aktuellen Wirtschaftsskandalen in Frankreich sind »natürlich und auf jeden Fall« ausgeschlossen, wie Chabrol auf der Pressekonferenz ironischerweise betonte. Die Tendenz der französischen Filme, mit Bildern und Stimmungen zu arbeiten, ließ zwar den Wunsch nach einer schlüssigen Dramaturgie aufkommen, ergänzte sich jedoch gut mit den sozialkritischen Beiträgen der deutschen Filmemacher, die mit ihrer vielschichtigen Erzählweise oft den besseren Ton trafen, dafür dem einzelnen Filmbild weniger Bedeutung schenkten. Dass die Berlinale ein Festival ist, auf dem verschiedene kulturell geprägte Filmlandschaften gezeigt werden, wurde auch dieses Jahr eindrucksvoll bewiesen. Links zu den Filmen Elementarteilchen, Elementarteilchen Promo Lucy Knallhart, Knallhart Promo Hotel Harabati Camping Sauvage Geheime Staatsaffären, Geheime Staatsaffären Promo Dieser Artikel als PDF in beiden Sprachen Berlinale.pdf (AdobeReader»Download) Dieser Artikel als Hördatei (3MB) -------------------------------------------------------------------------------- Aus unserer siebten Ausgabe - 01. Dezember 2005 Alain Resnais, ein Philosoph des Kinos von Sophie Rudolph Auf der Suche nach dem »perfekten« Film experimentiert der 1922 in der Bretagne geborene Regisseur mit verschiedenen Kunstformen und verhält sich dabei wie ein Wissenschaftler, der die Elemente und ihre Verträglichkeit untereinander erforscht, indem er sie ähnlich der surrealistischen Formel »Nähmaschine trifft Regenschirm auf dem Seziertisch« auf unerwartete Weise miteinander konfrontiert. In Mon oncle d'Amérique (Mein Onkel aus Amerika, 1980) verknüpft er die Illusionsmaschinerie des französischen Starsystems mit den Theorien des Verhaltensforschers Henri Laborit. In I want to go home (1989) sprechen die Comicfiguren Hepp Cat und Sally Cat, die immer wieder über den Köpfen der Schauspieler auftauchen, mit eben diesen über ihre innere Befindlichkeit. Sie werden jedoch nicht als Fremdkörper wahrgenommen, sondern integrieren sich wie die Lieder in On connaît la chanson (Das Leben ist ein Chanson, 1997) unmerklich ins Erzählgeflecht. In L'Amour à mort (Liebe bis zum Tod, 1984) stellt der Cineast die Musik sogar als fünftes Element neben den vier Hauptfiguren des Films. Dieser Film entstand in Zusammenarbeit mit dem zeitgenössischen Komponisten Hans Werner Henze. Die Beziehungen zwischen Musik, speziell der Oper, und Film spielt auch in La vie est un roman (Das Leben ist ein Roman, 1983) eine tragende Rolle. Auffallend hierbei ist, dass Resnais keine Hierarchie zwischen den Künsten etabliert: Es gibt in seiner Wahrnehmung keinen Unterschied in der Wertigkeit zwischen einem Comic und einem Gemälde, zwischen einem Musical und einem Roman. Sein Intellektualismus, also die ausschließliche Betonung des Verstandes, der ihm bisweilen von der Kritik vorgeworfen wird, ist daher keine Frage des »Niveaus« im Sinne einer elitären Weltanschauung. Vielmehr bringt die Konstruktionsweise der Filme den Zuschauer dazu »mit dem Kopf statt mit den Nerven zu reagieren«, wie es François Truffaut in einer Besprechung des Dokumentarfilms Nuit et brouillard (Nacht und Nebel, 1955) einmal formuliert hat. Er gilt als einer der Altmeister jener Bewegung, die als Nouvelle Vague in die Filmgeschichte eingegangen ist. Dennoch ist Alain Resnais eher ein Zeitgenosse als ein Komplize dieser Bewegung. Er gehörte nicht zu der Kerngruppe junger Filmjournalisten aus dem Zirkel der Cahiers du Cinéma, die sich zunächst als Filmkritiker einen Namen machten, bevor sie selbst Regisseure wurden. Obwohl auch seine Filme dem Kino wichtige neue Impulse gaben, unterscheidet er sich in einigen wesentlichen Punkten von Regisseuren wie François Truffaut, Jean-Luc Godard oder Claude Chabrol und gehört streng genommen zu jener Gruppierung, die als Rive Gauche bezeichnet wird und der unter anderem Agnès Varda, Chris Marker und Alain Robbe-Grillet angehörten. Die Gruppe der Rive Gauche distanzierte sich von der Zitierwut der Nouvelle Vague-Regisseure und entwickelte ein stark ausgeprägtes politisches Bewusstsein, das sich bei Resnais eindeutig links manifestiert. Bevor er zum Spielfilm wechselte, wurde er mit Dokumentarfilmen wie Les statues meurent aussi (Auch Statuen sterben, 1953 zusammen mit Chris Marker), Guernica (1950) und Nuit et brouillard (Nacht und Nebel 1955), eine in Zusammenarbeit mit Jean Cayrol entstandene Dokumentation über die deutschen Konzentrationslager, bekannt. Alain Resnais hat es geschafft, experimentelle Form und philosophischen Inhalt mit Massenunterhaltung kompatibel zu machen. Am besten gelungen ist ihm das mit On connaît la chanson (Das Leben ist ein Chanson, 1997), eine Komödie über Lieben und Leben in Paris, die den Figuren im Playback-Verfahren populäre Chansons der 30er- bis 60er-Jahre in den Mund legt. Hierzu passt, was Alain Resnais 1960 über seinen zweiten Spielfilm L'année dernière à Marienbad (Letztes Jahr in Marienbad, 1961) gesagt hat: Es geht um die Kontaktschwierigkeiten zwischen ein paar Menschen und die Doppeldeutigkeit des äußeren Scheins. Resnais sieht die größte Herausforderung darin, dem Zuschauer zunächst das Gefühl zu geben, den Saal nach zehn Minuten verlassen zu wollen, und ihn dann doch zwei Stunden lang zu fesseln, da sein Gedankenspiel das Publikum letztendlich amüsiert. Die Thematik seiner Filme stellt für ihn selbst meist ein Rätsel dar, welches er dadurch zu lösen sucht, indem er sie auf die Leinwand bringt. Und selbst dann wundert er sich noch darüber. Jeder, der versucht, einen tiefen Sinn in seinen Filmen zu suchen, wird verzweifeln. Denn der Sinn liegt vielleicht einfach nur darin, die Dinge so zu zeigen, wie sie sind und dadurch den Zuschauer zum Nachdenken zu bewegen. Alain Resnais dreht Filme für Menschen, Filme, die vielfältig und widersprüchlich sind, wie das Leben selbst. Der Versuch, die Dinge miteinander zu konfrontieren und so zu zeigen wie sie sind und nicht wie sie scheinen, ergibt wohl die eigentümliche Spannung, die sein disparates Werk zusammenhält und Alain Resnais zu einem »Philosophen des Kinos« macht, einem Denker in Bildern. Zur weiterführenden Lektüre Christen, Thomas: Zeit-Erinnerung-Reflexion-Spiel. In: Neue Zürcher Zeitung vom 3. Juni 2002. Goudet, Stéphane: Alain Resnais, Paris : Gallimard 2002. Truffaut, François: Die Filme meines Lebens. Aufsätze und Kritiken. München: Hanser 1976, S. 235. -------------------------------------------------------------------------------- Aus unserer sechsten Ausgabe – 01. September 2005 Die Reise ins Ich von Christiane Lötsch Wie schwierig es ist, eine Brücke zwischen zwei Kulturen zu schlagen, weiß Tony Gatlif aus eigener Erfahrung. Als Sohn andalusischer Sinti und Roma 1948 in Algier geboren, wächst er mit sozialer Ausgrenzung, kultureller Fremdheit und wirtschaftlicher Armut auf. Um die Kinder zum Lernen zu motivieren, zeigt sein Lehrer französische Filmeim Unterricht. Diese Filme bieten dem jungen Tony einen unbekannten Blick auf die Welt. Mit der Begeisterung für französische Filmkunst im Gepäck verlässt Gatlif mit 14 Jahren seine Familie und beginnt auf den Straßen Frankreichs die schwierige Suche nach sich selbst. Der Film erweist sich für dieses Vorhaben als geeignetes Medium. Nach einer Experimentierphase als Schauspieler am Theater setzt sich Tony Gatlifs Wunsch durch, die Erfahrungen zu verarbeiten, die er auf der Straße und im Jugendheim gemacht hat. 1966 entsteht das Drehbuch zu La rage au poing, das später als Vorlage zum gleichnamigen Film dient. Autobiographische Spuren verfolgt der Regisseur auch in weiteren Filmen: Les Princes (1983, Die Prinzen), Latcho Drom (1992, Latcho Drom – Gute Reise), Gadjo Dilo (1997, Gadjo Dilo – Geliebter Fremder) handeln vom Lebensgefühl, der Musik und der Leidenschaft der Sinti und Roma, ohne kulturelle Klischees zu bedienen. Dass ein Film die Forderung nach Anerkennung der eigenen Identität und nach den Rechten einer Minderheit stellen kann und muss, beweist Tony Gatlif in einem Ausspruch über seinen Film Corre Gitano (1981): "Das ist ein Film, der deutlich zeigt: Ich bin ein Zigeuner. Ich existiere, wir alle existieren." Zum Beweis der eigenen Existenz wird der Film dem Zuschauer wie ein Personalausweis vorgehalten. Der Betrachter soll das Lebensgefühl der Sinti und Roma nicht verstehen, sondern mit allen Sinnen spüren und am eigenen Leib erfahren. Einprägsame Rhythmen, intensive Farben und emotional aufwühlende Geschichten bestimmen deswegen Rahmen und Inhalt des filmischen Universums von Tony Gatlif. Die Suche nach dem Ich zwischen algerischer Herkunft und französischer Sozialisierung vollzieht sich in seiner jüngsten Produktion Exils (2004, Exile) durch die Metapher der Reise. Normalerweise ein Sinnbild für die Entdeckung des Unbekannten ist die Reise von Paris nach Algier für Naïma (gespielt von Lubna Azabal) und Zano (Romain Duris, Hauptdarsteller aus Auberge Espagnole, dt. L’Auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr ) eine Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit, eine Erforschung des Fremden im Selbst. Die Flucht der Eltern aus dem Heimatland wird von ihnen aus der entgegengesetzten Richtung begonnen, und je näher sie ihrem Ziel kommen, desto deutlicher werden die Widersprüche ihrer Identität. Die Begegnung mit algerischen Flüchtlingen zeigt den Konflikt zwischen Vertrautem und Fremdem, in dem beide Protagonisten permanent leben: Als Landsleute erkannt und aufgenommen, verstehen sie doch kein Wort ihrer eigentlichen Muttersprache. Die Spannungen, die dadurch entstehen, entladen sich über die Sinne und den Körper. Beim Anblick des Elternhauses, das die Nachmieter unverändert gelassen haben, schüttelt sich Zanos Körper vor Tränen und beim Tanzen gerät Naïma in einen Trance-Zustand, der den Schmerz und die Trauer der Vergangenheit offenbart, ohne die Gründe explizit zu nennen. Rhythmus und Bewegung bestimmen die minutenlange Sequenz und beschwören Naïmas Erinnerungen, die der Verstand nicht zu fassen vermag. Auf diese Art beschwört Tony Gatlif ein filmisches Universum, in dem die Spannungen einer Identität zwischen den Kulturen offensichtlich und durch Bilder, Rhythmen und Bewegung aufgelöst werden. Dafür wurde er 2004 in Cannes ausgezeichnet und begeistert von den französischen Kinogängern aufgenommen. Nun ist er endlich auch in deutschen Kinos zu sehen. Zum Weiterlesen: tonygatlif.free.fr Foto Tony Gatlif von Patrice Terraz -------------------------------------------------------------------------------- Aus unserer fünften Ausgabe – Juni 2005 Die neuen Gesichter der deutsch-französischen Freundschaft von Nadja Dumouchel Audrey Tautou und Daniel Brühl sind deutsch-französische Botschafter. Immerhin vermitteln die beiden Schauspieler in ihren Filmen Die fabelhafte Welt der Amélie und Good bye, Lenin! ein frisches, sympathisches Image vom Nachbarland. Deswegen – und weil die beiden Filme mit Abstand die erfolgreichsten in jüngster Zeit waren – erhielten Tautou und Brühl den deutsch-französischen Adenauer-de Gaulle-Preis. Der Preis wurde am 22. Januar 1988 anlässlich des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages ins Leben gerufen. Er belohnt jedes Jahr eine deutsche und französische Persönlichkeit oder Institution für ihren Einsatz und ihre Bemühungen um die Beziehung zwischen den beiden Ländern. Eine deutsch-französische Jury aus zehn Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – Mandatsträger, Journalisten, Vertreter der Wirtschaftswelt, Forscher – wählt die Preisträger aus. 2002 zum Beispiel ging der Preis an den Tagesthemenmoderator Ulrich Wickert sowie an den französischen Le Monde-Journalisten Daniel Vernet. Der Adenauer-de Gaulle-Preis trägt den Namen der beiden Politiker, die mit dem Elysee-Vertrag 1962 das Fundament für die deutsch-französische Freundschaft legten und somit die Einigung Europas vorbereiteten. Dabei war beiden Staatsmännern wichtig, dass die Aussöhnung nicht nur auf die Ebene von Politik, staatlichen Institutionen und alljährlichen Feierlichkeiten reduziert blieb. Es sei die Aufgabe der Regierungen, die Solidarität zwischen dem deutschen und dem französischen Volk zu organisieren; ihr aber einen lebendigen Inhalt zu geben, sei insbesondere Aufgabe der Jugend, sagte damals de Gaulle in seiner Rede. Die deutsch-französische Freundschaft hat mit Tautou und Brühl zwei neue junge Botschafter bekommen, die mit ihrem Charme neuen Schwung in den bilateralen Kulturaustausch gebracht haben und in Zukunft weiterhin bringen sollen. Brühl und Tautou, beide im Sommer 1978 geboren, gelten als die Nachwuchsschauspieler in Deutschland und Frankreich und waren in den vergangenen Monaten im jeweiligen Partnerland erneut auf der Leinwand zu sehen. Brühl mit Jörg Weingartners Die fetten Jahre sind vorbei, und Tautou mit Mathilde – eine große Liebe. Der Erfolg ermöglicht es den beiden Schauspielern, wählerisch zu sein: »Ich könnte mich nicht verkaufen oder in allen Filmen kommerzielle Erfolge und Preise wähnen. Ich mache lieber einen guten Film, in den weniger Leute gehen, als einen schlechten, in den sehr viele gehen«, sagte Brühl in einem Interview. Auch Tautou beteuert, sie würde nur in Filmen mitspielen, die sie sich selbst im Kino ansehen würde. Jede Epoche der deutsch-französischen Freundschaft brauche »ihre eigene Verkörperung, ihr eigenes Bild, muss sich selbst ihr Gesicht suchen«, sagte Jurychef Hans Martin Bury bei der Verleihung des Adenauer-de Gaulle-Preises. Gehen Brühl und Tautou ihren bisherigen Weg weiter, werden sie den Hoffnungen der Jury sicherlich gerecht. Zur weiterführenden Lektüre www.auswaertiges-amt.de www.dfjw.org www.bury.de www.audreytautou.fr.fm/ www.spiegel.de Photos aus Mathilde – eine grosse Liebe, Warner Bros. Pictures, Die fabelhafte Welt der Amélie, Prokino Filmverleih; Die fetten Jahre sind vorbei von Amélie Losier, Delphi Filmverleih rencontres verfolgt ausschließlich gemeinnützige und nicht-kommerzielle Zwecke, falls Sie etwas gegen die Abbildung dieser Bilde in unserem Magazin einzuwenden haben, schreiben Sie bitte an: redaktion@rencontres.de -------------------------------------------------------------------------------- Von der ungeahnten Kraft der Bilder von Christiane Lötsch Wenn man nach dem französischen Impressionismus fragt, dann verbinden die meisten diese Stilrichtung mit der Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Bilder der Impressionisten, insbesondere die ihres berühmtesten Vertreters Claude Monet, zeichnen sich durch eine gestrichelte Malweise aus, welche die Subjektivität des Betrachters unterstreicht und sich deutlich gegen die naturalistische Kunstrichtung der Epoche abgrenzt. Doch der impressionistische Stil lässt sich nicht nur auf den Bereich der Malerei anwenden; er hinterließ seine Spuren auch in der französischen Filmkunst. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges befand sich Frankreich in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage, die auch die Filmindustrie zu spüren bekam. Eine Vielzahl von amerikanischen Produktionen überflutete den einheimischen Markt. Um ein Gegengewicht zu dieser ausländischen Vorherrschaft zu schaffen, ließen sich die Filmgesellschaften auch auf experimentelle Ideen ein. Das war die Chance für eine Gruppe von Filmemachern, bestehend aus Abel Gance, Germaine Dulac, Jean Epstein, Jean Delluc und Marcel L'Herbier, welche die Gunst der Stunde nutzten. Ausgestattet mit ersten Dreherfahrungen, die sie bei den großen Unternehmen Pathé und Gaumont gesammelt hatten, machten sie sich ans Werk: Das »impressionistische Kino« war geboren. Die Filmemacher der »ersten Avantgarde«, wie die Gruppe auch genannt wurde, verband die gemeinsame Überzeugung, dass der Film nicht nur ein Unterhaltungsmedium, sondern auch eine eigene Kunstform sei. Die Verbindung der sechs klassischen Künste Architektur, Malerei, plastische Kunst, Musik, Tanz und Poesie konnte sich ihrer Meinung nach nur im Medium Film realisieren. »Le septième art« hielt seinen Einzug als Kunstform der Moderne. Die Grundlage des impressionistischen Kinos besteht aus der Auseinandersetzung des Individuums mit seinen subjektiven Empfindungen. Insbesondere die Filmemacherin Germaine Dulac (1882–1942), eine der wenigen Frauen der frühen Filmgeschichte, nutzte die filmischen Möglichkeiten, um unbewusste Prozesse, verbotene Träume, versteckte Fantasien und subjektive Gefühle darzustellen. In La souriante Madame Beudet erzählt Dulac die Geschichte der introvertierten Madame Beudet, die sich in ihrer unglücklichen Ehe gefangen fühlt. Inhaltlich aus der Perspektive der Protagonistin heraus erzählend und von ihren individuellen Gefühlen ausgehend, wechselt der Film permanent zwischen Traum und Wirklichkeit und bricht somit lineare Erzählweisen. Die Verwendung von point-of-view-shots, schnellen Schnittfolgen, Mehrfachbelichtungen, Unschärfen oder Verzerrungen stellten neue und außergewöhnliche Techniken dar, wodurch subjektive Wahrnehmung der Protagonisten vermittelt werden konnten. Ende der zwanziger Jahre zeichnete sich das Ende der impressionistischen Strömung im Film ab. Die »zweite Avantgarde«, welche sich um René Clair, Fernand Léger und Man Ray gruppierte, konzentrierte sich auf die Herstellung experimenteller Kurzfilme und entwickelte in Anlehnung an die Theorie von der Eigengesetzlichkeit des Films das Konzept des cinéma pur, des reinen Kinos. Dazu gehörte die Ablehnung aller dramatischen und erzählenden Elemente, um zu einem reinen Rhythmus bewegter Bilder vorzudringen. Schließlich wandte sich die surrealistische Schule um Luis Buñuel gegen jegliche Logik des Erzählens und versuchte durch assoziative Bildmontagen das menschliche Unbewusste darzustellen. Auch wenn den Surrealisten die größere Aufmerksamkeit in der Filmgeschichte zuteil wurde, so waren es doch die impressionistischen Filmemacher, die als erste Bewegung das Kino so wahrgenommen haben, wie es der Zuschauer von heute tut: als eigenständige Form des künstlerischen Ausdrucks. Zur weiterführenden Lektüre Abel, Richard, French Cinema. The first wave, 1915–1929, New York, 1984. Bordwell, David / Thompson, Kristin, France in the 1920. In: Film History. An Introduction. New York u.a, 1994, S. 85–104. Fotos und Informationen www.sensesofcinema.com -------------------------------------------------------------------------------- Aus unserer vierten Ausgabe – März 2005 Chris Marker – ein Essayfilmer par excellence von Christiane Lötsch Obwohl Chris Marker noch zu Lebzeiten eine Ikone des französischen Films geworden ist, haben wohl nur die wahren Cinéasten seinen Namen schon einmal gehört. Oft in einem Zug mit den Namen der Nouvelle Vague genannt oder zu Dokumentarfilmern wie Jean Rouch oder Agnès Varda gerechnet, bleibt die Einordnung des Filmemachers und seines Werkes unklar. Die Ungereimtheiten beginnen bei den biographischen Daten. Laut Recherche der Autorin wurde Christian Bouche-Villeneuve alias Chris Marker in Neuilly-sur-Seine geboren. Oder in der Mongolei, als Kind adliger Eltern? Oder doch im jüdischen Viertel von Paris? Fest steht zumindest, dass er zwei Jahre unter Jean-Paul Sartre Philosophie studierte, bevor der Zweite Weltkrieg sein Leben verändern sollte und er sich in der Résistance engagierte. Heute lebt Chris Marker zurückgezogen in Paris, lässt sich nicht fotografieren und gibt keine Interviews. Dabei ist seine Persönlichkeit so vielschichtig wie seine Filme, und ein Gespräch mit ihm wäre sehr aufschlussreich für das Kunstverständnis nach dem Zweiten Weltkrieg. Denn die Erfahrung der menschlichen Gewalt sollte ihn, wie viele andere Künstler seiner Zeit auch, nicht mehr loslassen und sich in seiner Art des Filmemachens ausdrücken. Der Essayfilm gab ihm dabei die künstlerische Freiheit, das zu zeigen, was ihn der Holocaust und Hiroshima lehrten: den Zweifel an der Realität und demzufolge an ihrer vollkommenen Darstellung in der Kunst. Die Illusion von der Wirklichkeit als einem einheitlichen Ganzen ersetzte er durch die Vielschichtigkeit der Perspektiven und durch eine um Leitmotive kreisende Struktur seiner Filme. Einzelne Bruchstücke und Fragmente als in sich geschlossene Einheiten konnten in den Augen Chris Markers mehr Wahrheitsgehalt in sich tragen als eine von Anfang bis Ende erzählte Geschichte. In seinem Aufsatz Essay als Form fasst Theodor W. Adorno diese These wie folgt zusammen: »Er (der Essay, Anm. der Autorin) denkt in Brüchen, so wie die Realität brüchig ist, und findet seine Einheit durch die Brüche hindurch, nicht, indem er sie glättet.« Diese Brüche der Realität finden sich vor allem in den Filmen wieder, die Chris Marker nach 1945 auf seinen Reisen in Ländern drehte, die sich in einem gesellschaftlichen und politischen Umbruch befanden. Oder in Ländern, die so abgelegen waren, dass niemand vorher von ihnen Filmaufnahmen gemacht hatte. Doch die Bilder aus Japan, Sibirien, Kuba und Afrika sind nicht nur politische Bekenntnisse oder dokumentarische Zeugnisse fremder Kulturen, sondern - und darin liegt ihre Besonderheit – sie bebildern gleichzeitig das Innere des filmenden Ichs. Ausgehend von ganz persönlichen »Bildern des Glücks«, wie die drei Kinder auf Island in Sans Soleil (1982), das Gesicht einer unbekannten Frau in La Jetée (1962) oder das in vielen Filmen wiederkehrende Leitmotiv der Katzen bekommt der Zuschauer Zugang zur Perspektive des filmenden Ichs. Durch die eigenen Assoziationen eröffnet sich dem Zuschauer somit eine neue Welt. Die Methode, durch ein emotional aufgeladenes Bild die Wirklichkeit darzustellen, erinnert stark an Proust'sche Verfahren: nicht die in den Tee getauchte Madeleine, sondern das mit Erfahrung und Gefühl aufgeladene Filmbild rufen einen Schwall von Assoziationen hervor, die im Essayfilm ihren Ausdruck finden. So wird dem Zuschauer klar, dass jede Perspektive nur eine von vielen ist und dass an einer objektiven und allgemeingültigen Wahrheit gezweifelt werden muss. Die Lust am Ausprobieren von filmischen Möglichkeiten und die Überschreitung ihrer Grenzen sind konsequenterweise ein weiterer Motor für die Filme von Chris Marker. Dokumentarisches Material, Schwarzbilder, computermodellierte Bilder, Trickfilmbilder oder Bildzitate aus anderen Filmen werden aneinander montiert und entführen den Zuschauer in eine Filmwelt mit ganz eigenen poetischen Gesetzen. Ein beeindruckendes Beispiel für das Innovationspotenzial Chris Markers ist sein berühmtester Film La Jetée von 1962. Auch wenn der Film kein dokumentarisches Material enthält und eine durchgehende Geschichte erzählt, kann man von einem Essayfilm sprechen: Bis auf eine Sequenz besteht der gesamte Film aus einzelnen Fotografien. Hier werden Grenzen von verschiedenen Medien ausgelotet, denn die Fotografie – ein Medium des Stillstands und des angehaltenen Moments – wird benutzt, um einen bewegten Film zu machen. Auch die zirkuläre Struktur der Geschichte trägt zur Faszination bei, die den Zuschauer unweigerlich beim Betrachten des Films befällt. Ein kleiner Junge beobachtet auf dem Rollfeld des Pariser Flughafens einen Mord an einem Mann und sieht dabei in das Gesicht einer Frau, das ihn von da an nicht mehr loslassen wird. Es ist sein »Bild des Glücks«. Als er es wiederfindet – auf eben jenem Rollfeld des Pariser Flughafens – wird ihm klar, dass er als Kind seinen eigenen Tod mit angesehen hat. Wer sich an die Geschichte von Twelve Monkeys erinnert fühlt, liegt richtig: La Jetée diente als Vorlage für die Verfilmung von Terry Gilliam. Noch lebend hat Chris Marker bereits ein bedeutendes filmisches Erbe hinterlassen. Zur weiterführenden Lektüre Kämper, Birgit / Tode, Thomas, (Hrsg.): Chris Marker. Filmessayist, CICIM, 1997, S.73-86. Binczek, Natalie / Mass, Martin (Hrsg.): Sie wollen eben sein, was sie sind, nämlich Bilder … Anschlüsse an Chris Marker, Würzburg, 1999. Bilder Chris Marker und Extrainfos: www.sensesofcinema.com, Sans Soleil, La Jetée und Extrainfos: www.medienkunstnetz.de Die 1100 wichtigsten Gedichte der deutschen Literatur zwischen 1730 und 1900 Unsere Zusammenstellung der "wichtigsten" deutschsprachigen Gedichte aus dem Zeitraum zwischen 1730 und 1900 beruht auf der Auswertung von 14 Gedichtanthologien. Außerdem wurde die bibliographische Zusammenstellung aus 50 deutschsprachigen Anthologien von Anneliese Dühmert, "Von wem ist das Gedicht?", berücksichtigt. Alle hier genannten Gedichte, die in drei oder mehr ausgewerteten Anthologien vorkommen, wurden ebenfalls in die Liste aufgenommen. Zwei der Anthologien versammeln Gedichte aus sich ergänzenden Abschnitten des untersuchten Zeitraums unter Auslassung der Gedichte Goethes und Schillers (die auch bei Dühmert nicht berücksichtigt sind). Ein Gedicht kann also auf nicht mehr als vierzehn bzw., wenn es von Goethe oder Schiller ist, auf nicht mehr als dreizehn Nennungen kommen. Balladen sind durch ihre Länge in den Anthologien sicher seltener verzeichnet, als im Einzelnen gerechtfertigt ist. Textkritisch verläßliche elektronische Ausgaben dieser Gedichte finden Sie in der »Freiburger Anthologie« oder werden demnächst dort bereitgestellt. Anfragen zu dort noch nicht verfügbaren Texten schicken Sie bitte an den leitenden Redakteur der »Freiburger Anthologie«, Klemens Wolber. Bei der Auswertung der Anthologien hat sich gezeigt, daß die Benennung der Gedichte oft unterschiedlich ist. Deshalb wird bei (fast) allen Gedichten außer dem Titel auch der Gedichtanfang in kursiver Schrift genannt, um eine eindeutige Identifizierung zu ermöglichen. Die Daten in den Klammern nennen entweder das Erstveröffentlichungs- oder das Entstehungsdatum. Bei postumen Veröffentlichungen kann auch das Todesjahr des Autors als Datum angegeben sein. Eine vollständige Gleichförmigkeit der Auszeichnung war hier nicht möglich. Es folgen 1 Gedicht mit 13 Nennungen 10 Gedichte mit 12 Nennungen 12 Gedichte mit 11 Nennungen 22 Gedichte mit 10 Nennungen 23 Gedichte mit 9 Nennungen 34 Gedichte mit 8 Nennungen 44 Gedichte mit 7 Nennungen 53 Gedichte mit 6 Nennungen 92 Gedichte mit 5 Nennungen 102 Gedichte mit 4 Nennungen 191 Gedichte mit 3 Nennungen 553 außerdem bei Dühmert gebuchte Gedichte -------------------------------------------------------------------------------- Mit 13 Nennungen Claudius: Abendlied Der Mond ist aufgegangen (1779) zurück zur Übersicht -------------------------------------------------------------------------------- Mit 12 Nennungen Brockes: Kirschblüte bei der Nacht Ich sahe mit betrachtendem Gemüte (1739/1970) Droste-Hülshoff: Im Grase Süße Ruh', süßer Taumel im Gras (1844) Eichendorff: Lied (Das zerbrochene Ringlein) In einem kühlen Grunde (1810) Eichendorff: Mondnacht Es war, als hätt' der Himmel / Die Erde still geküßt (1837) Goethe: An den Mond Füllest wieder Busch und Tal / Füllest wieder's liebe Thal (1777) Goethe: Willkommen und Abschied Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde! / Mir schlug das Herz, geschwind zu Pferde! (1771) Hölderlin: Hälfte des Lebens Mit gelben Birnen hänget / Und voll mit wilden Rosen (1805) Mörike: Um Mitternacht Gelassen stieg die Nacht ans Land (1828) Mörike: Verborgenheit Laß, o Welt, o laß mich sein (1838) Müller, W.: Der Lindenbaum Am Brunnen vor dem Tore (1820/21) zurück zur Übersicht -------------------------------------------------------------------------------- Mit 11 Nennungen Arnim, A. v.: Mir ist zu licht zum Schlafen (1809) Brentano: [Eingang] Was reif in diesen Zeilen steht (1838) Eichendorff: Sehnsucht Es schienen so golden die Sterne (1834) Goethe: Wanderers Nachtlied Der du von dem Himmel bist (1776) Hebbel: Herbstbild (Herbstlied) Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! (1857) Hölty / Voß: Auftrag Ihr Freunde, hänget, wann ich gestorben bin (1776) Klopstock: Die frühen Gräber Willkommen, o silberner Mond (1771) Meyer: Der römische Brunnen Aufsteigt der Strahl und fallend gießt (1892) Novalis: ["Marienlied"] Ich sehe dich in tausend Bildern (1802) Platen: Tristan Wer die Schönheit angeschaut mit Augen (1825) Schiller: Nänie Auch das Schöne muß sterben (1800) Storm: Die Stadt Am grauen Strand, am grauen Meer (1852) zurück zur Übersicht -------------------------------------------------------------------------------- Mit 10 Nennungen Brentano: Der Spinnerin Nachtlied Es sang vor langen Jahren wohl auch die Nachtigall (1818) Brentano: Frühlingsschrei eines Knechtes aus der Tiefe Meister, ohne dein Erbarmen (1816) Brentano: Sprich aus der Ferne Sprich aus der Ferne / Heimliche Welt (1801) Claudius: Der Mensch Empfangen und genähret / Vom Weibe wunderbar (1783) Claudius: Der Tod Ach, es ist so dunkel in den Todes Kammer (1798) Eichendorff: (Frische Fahrt) Laue Luft kommt blau geflossen (1815) Eichendorff: Abend Schweigt der Menschen laute Lust (1823) Goethe: (An Charlotte von Stein) Warum gabst du uns die tiefen Blicke (An Charlotte von Stein) (1776) Goethe: Gesang der Geister über den Wassern Des Menschen Seele / Gleicht dem Wasser: (1779) Hölderlin: Abendphantasie Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt (1800) Hölderlin: An die Parzen Nur einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! (1799) Hölderlin: Heidelberg Lange lieb ich dich schon (1800) Hölderlin: Hyperions Schicksalslied Ihr wandelt droben im Licht (1799) Hölderlin: Lebenslauf Größeres wolltest auch du, aber die Liebe zwingt (1798) Keller: Abendlied Augen, meine lieben Fensterlein (1879) Klopstock: Das Rosenband Im Frühlingsschatten fand ich sie (1753) Klopstock: Der Zürcher See Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht (1750) Lenau: Bitte Weil' auf mir, du dunkles Auge (1832) Mörike: Denk es, o Seele Ein Tännlein grünet wo / Wer weiß (1852) Mörike: Gesang Weyla's (Weylas) Du bist Orplid, mein Land (1838) Novalis: Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren (1800) Platen: Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts (1823) zurück zur Übersicht -------------------------------------------------------------------------------- Mit 9 Nennungen Brentano: Abendständchen Hör es klagt die Flöte wieder (1803) Chamisso: Das Schloß Boncourt Ich träum als Kind mich zurücke (1827) Claudius: An - als Ihm die - starb Der Säemann säet den Samen (1771) Claudius: Der Tod und das Mädchen Vorüber! Ach vorüber! / Geh wilder Knochenmann! (1775) Droste-Hülshoff: Durchwachte Nacht Wie sank die Sonne glüh und schwer (1845) Droste-Hülshoff: Mondesaufgang An des Balkones Gitter (1844) Eichendorff: Der Einsiedler Komm' Trost der Welt, du stille Nacht (1837) Goethe: Buch Suleika Was bedeutet die Bewegung (1819) Goethe: Ein Gleiches Über allen Gipfeln / Ist Ruh (1780) Goethe: Mahomets Gesang Seht den Felsenquell / Freudehell (vor 1773) Goethe: Mignon Kennst du das Land, wo die Citronen blühn (vor 1783) Goethe: Nachklang Ach, um deine feuchten Schwingen (1819) Goethe: Selige Sehnsucht Sagt es niemand, nur den Weisen (1819) Hebbel: Nachtlied Quellende, schwellende Nacht, / Voll von Lichtern und Sternen (1836) Hebbel: Sommerbild Ich sah des Sommers letzte Rose stehn (1844) Hölderlin: Abbitte Heilig Wesen! gestört hab ich die goldene / Götterruhe dir oft, und der geheimeren (ca. 1797) Mörike: An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe! (1834) Mörike: Auf eine Lampe Noch unverrückt, o schöne Lampe, schmückest du (1846) Mörike: Septembermorgen Im Nebel ruhet noch die Welt, / Noch träumen Wald und Wiesen: (1828) Salis-Seewis: Herbstlied Bunt sind schon die Wälder, Gelb die Stoppelfelder (1786) Storm: Meeresstrand An's Haf (Haff) nun fliegt die Möwe / Und Dämm'rung bricht herein (1856) Tieck: Wunder der Liebe Mondbeglänzte Zaubernacht (1803) Uhland: Frühlingsglaube Die linden Lüfte sind erwacht, / Sie säuseln und weben Tag und Nacht (1812) zurück zur Übersicht -------------------------------------------------------------------------------- Mit 8 Nennungen Arnim, A. v.: Ritt im Mondschein Herz zum (am) Herzen ist nicht weit (1820) Claudius: Die Sternseherin Lise (Sternenhimmel) Ich sehe oft um Mitternacht, / wenn ich mein Werk getan (1803) Droste-Hülshoff: Am letzten Tag des Jahres (Silvester) Das Jahr geht um, / der Faden rollt sich sausend ab (1840) Droste-Hülshoff: Das Spiegelbild Schaust du mich an aus dem Kristall (1841) Goeckingk: Als der erste Schnee fiel Gleich einem König, der in seine Staaten (1777) Goethe: (Bei Betrachtung von Schillers Schädel) Im ernsten Beinhaus war's (1829) Goethe: (Harfenspieler) Wer sich der Einsamkeit ergibt, / Ach, der ist bald allein (1795) Goethe: Auf dem See Und frische Nahrung, neues Blut (1775) Goethe: Dauer im Wechsel Hielte diesen frühen Segen, / Ach, nur eine Stunde fest! (1803) Goethe: Der Fischer Das Wasser rauscht', / das Wasser schwoll (1779) Goethe: Ganymed Wie im Morgenglanze / Du rings mich anglühst (1773) Goethe: Gefunden Ich ging im Walde / So für mich hin, / Und nichts zu suchen, / Das war mein Sinn (1813) Goethe: Grenzen der Menschheit Wenn der uralte / Heilige Vater (1781) Goethe: Heidenröslein Sah ein Knab ein Röslein stehn (1773) Goethe: Mit einem gemalten Band Kleine Blumen, kleine Blätter / Streuen mir mit leichter Hand (1775) Goethe: Nachtgesang O gib vom weichen Pfühle (1804) Goethe: Prometheus Bedecke deinen Himmel, Zeus, / Mit Wolkendunst (1773) Goethe: Dämmrung senkte sich von oben (1830) Hebbel: Abendgefühl Friedlich bekämpfen / Nacht sich und Tag (1836) Heine: (Loreley) Ich weiß nicht, was soll es bedeuten (1824) Heine: Wo? Wo wird einst des Wandermüden (1869) Hölderlin: Andenken Der Nordost wehet, / Der liebste unter den Winden (1808) Hölderlin: Brot und Wein Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse (1800) Hölderlin: Menschenbeifall Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll (1798) Kerner: Der Wanderer in der Sägemühle Dort unten in der Mühle (1830) Meyer: Eingelegte Ruder Meine eingelegten Ruder triefen (1869) Meyer: Zwei Segel Zwei Segel erhellend / Die tiefblaue Bucht! (1892) Mörike: Das verlassene Mägdlein Früh, wann die Hähne krähn (1832) Mörike: Er ist's Frühling läßt sein blaues Band (1828) Mörike: Früh im Wagen Es graut vom Morgenreif (1846) Mörike: Gesang zu zweien in der Nacht Sie: Wie süß der Nachtwind nun die Wiese streift (1832) Platen: Wer wußte je das Leben recht zu fassen (1826) Rückert: Amara, bittre, was du tust, ist bitter (1825) Stolberg, F. L.: Lied auf dem Wasser zu singen Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen (unbekannt) zurück zur Übersicht Der Verlag rosa Winkel hat wertvolle Pionierarbeit geleistet. Das lieferbare Programm umfasst zahlreiche Schätze in den Bereichen Belletristik und Wissenschaft. Weil die Bücher des Verlags aus dem VLB verschwunden waren und die Firma gelöscht wurde, hat Männerschwarm einen Weg gefunden, große Teile des Verlagsprogramms weiterhin lieferbar zu halten. Seit Januar 2007 sind diese Bücher mit den alten ISBN über PROLIT zu beziehen. Die Auslieferungsübernahme macht es möglich, die renommierte »Bibliothek rosa Winkel« nun aus einer Hand anzubieten. Bitte beachten Sie, dass in den meisten Fällen die Preise gesenkt wurden! mehr... -------------------------------------------------------------------------------- NEUERSCHEINUNGEN -------------------------------------------------------------------------------- Anneke Scholtens Abel Roman, Aus dem Niederländischen von Torsten Hell 140 S. Gb., € 17,00 978-3-939542-03-2 Während der Schulzeit hat Bart eine Erfahrung gemacht, über die man besser nicht spricht: sein bester Freund hat sich in ihn verliebt. Das ist peinlich und macht Angst. Nicht, weil man den anderen nicht mag, sondern weil der andere ein Junge ist. Als dann die Mitschüler anfingen, die beiden als Liebespaar zu verspotten, war endgültig Schluss. Jahre später erfährt er von Abels plötzlichem Tod. Erinnerungen kommen hoch und Bart hat Schuldgefühle, weil er Abel zurück gewiesen hat, weil seine Freundschaft nicht stark genug war, um die mehr als schüchternen Annäherungsversuche zu verkraften. Noch jetzt kann er seiner Freundin nicht die Wahrheit sagen, doch Roos merkt schnell, dass er eine Leiche im Keller hat, und reagiert wütend auf sein ständiges Ausweichen. Bei Abels Beerdigung zeigt sich, dass auch Eltern und Mitschüler auf recht eigenartige Weise mit der Vergangenheit umgehen. «Abel» fängt die Wünsche und Ängste der Figuren mit scharfer Beobachtungsgabe und viel Sympathie ein. Dieses Gruppenbild mit abwesender Hauptfigur besticht durch seine liebevoll ausgeführten Details, die Gegenwart und Vergangenheit gleichermaßen lebendig vor Augen führen. Der Mangel an Mut, den der Schüler gegenüber seinem Freund gezeigt hat, gefährdet auch die Liebe des erwachsenen Bart – eine Pointe, über die es sich nachzudenken lohnt. Anneke Scholtens wurde 1955 geboren und wuchs in Haarlem an der Westküste Hollands auf. Nach einem Studium der Linguistik und einer Vielzahl von Jobs entdeckte sie ihr Talent als Schriftstellerin. In den Niederlanden wurden bereits zahlreiche Romane von ihr veröffentlicht. «Abel» ist die erste Übersetzung in die deutsche Sprache. Anneke Scholtens lebt mit ihren zwei Kindern in Amsterdam. -------------------------------------------------------------------------------- Schwule Nachbarn - 20 Erlebnisse ANTHOLOGIE 240 S. Gb., € 18,00 978-3-939542-02-5 Es schreiben: Matthias Altenburg | Dorothea Dieckmann | Ursula Fricker | Barbara Frischmuth | Doris Gercke | Gunter Gerlach | Kerstin Hensel | Bodo Kirchhoff | Judith Kuckart | Sabine Peters | Hermann Peter Piwitt | Ingo Schulze | Peter Stamm | Uwe Timm | Tina Uebel | Regula Venske | Michael Weins | Ulrich Woelk | Christine Wunnicke | Feridun Zaimoglu | Herausgeber: Detlef Grumbach -------------------------------------------------------------------------------- Uwe Szymborski Radikal Roman 170 S. Br., € 15,00 978-3-939542-05-6 In der «3. Halbzeit» treffen sich die «national gesinnten» Kameraden Magdeburgs. Sie sorgen für «Ordnung» in der Stadt, verprügeln Junkies und Ausländer, und von Zeit zu Zeit soll ein deutlicheres Zeichen gesetzt werden. Als Asylanten in ein leeres Haus einziehen, ist ein solcher Moment gekommen: vier Skinheads basteln Molotow-Cocktails und planen einen Angriff. Florian hat sich mit einer Flasche Kornbrand außer Gefecht gesetzt und kommt zu spät; als er sieht, dass Menschen in dem brennenden Haus eingeschlossen sind, rettet er im Reflex den kleinen Eyfan und erwacht am nächsten Tag auf der Intensivstation als «Held». Im Krankenhaus hat Florian Zeit, über sein Leben nachzudenken. Jemand muss gegen den Verfall der deutschen Werte eintreten, aber was sind das eigentlich für Menschen, die er als Kameraden betrachtet? «Heydrich» ist ein attraktiver Kerl, aber sonst ist nicht viel mit ihm los; Tom plappert Parolen nach, die er irgendwo aufgeschnappt hat, und Marco will ganz einfach zuschlagen. Als er merkt, dass Danny, der Zivildienstleistende auf seiner Station, ganz locker mit seinem Schwulsein umgeht, und sein Zimmernachbar, der alte Trautner, für seine Sprüche nur ein müdes Lächeln übrig hat, kommt Florian ins Schwimmen. Ob es ihm gelingen wird, sich selbst besser zu verstehen und seinem Leben eine andere Richtung zu geben, muss am Ende der Leser selbst entscheiden. In seinem Romandebut «Baby Bottom» hat Szymborski sein großes Talent bewiesen, das Aroma einer Lebenswelt im Text sinnlich erfahrbar zu machen. Mit dieser Voraussetzung nähert er sich nun einem Thema, das in der öffentlichen Debatte zumeist in Klischees erstickt wird. «Radikal» ist eine Gratwanderung – das menschliche Gesicht eines Skinheads zu beschreiben bedeutet nicht, die Gefahr der rechtsradikalen Szene zu verharmlosen. Uns hat das Ergebnis beeindruckt – urteilen Sie selbst! Uwe Szymborski wurde 1964 in Sachsen geboren. Erfahrungen aus der Schulzeit in der DDR liegen seinem Romandebut «Baby Bottom» zugrunde, das 2003 bei Männerschwarm erschienen ist. Szymborski lebt und arbeitet seit 1992 in Hannover. -------------------------------------------------------------------------------- Fabian Kaden: Murats Traum Roman /Taschenbuch 144 S. Br., € 12,50 978-3-939542-06-3 -------------------------------------------------------------------------------- Jetzt als Taschenbuch: P.P. Harnett: TOKIO LINDENSTRASSE Roman, Aus dem Englischen von Volker Oldenburg 280 S. Br., € 12,90 978-3-939542-04-9 Dem Abiturienten Akio fällt keine bessere Verwendung für seine Schönheit ein, als sie im Bordell alten Männern zu «opfern», die Models einer Fotoagentur haben nichts anderes im Sinn, als ihrem Äußeren den letzten Rest von Individualität auszutreiben, der Sportlehrer Handa kämpft gegen den Sog, den die erotische Ausstrahlung seiner Schüler auf ihn ausübt, und der junge Takeo ist besessen davon, endlich seinen ersten Orgasmus zu erleben. Die Wege aller Figuren kreuzen sich hinter der Fassade eines Wohnblocks in Tokio. -------------------------------------------------------------------------------- Hamburg mit anderen Augen Stadtbuch für Schwule 250 S. Br., zahlr. Abb., € 16,80 978-3-935542-07-0 -------------------------------------------------------------------------------- Georges Eekhoud Escarl-Vigor Roman, Deutsch von Richard Meienreis, Mit einem Nachwort von Wolfram Setz Anhang: Eine schlimme Begegnung und Liebesselbstmord 240 S. Br., zahlr. Abb., € 14,00 978-3-939542-44-5 -------------------------------------------------------------------------------- HETERONORMATIVITÄTSKRITISCHE PERSPEKTIVEN: Unbeschreiblich Männlich H g . v o n R o b i n B a u e r , J o s c h H o e n e s , V o l k e r W o l t e r s d o r f f 280 S., Br., € 19,00 978-3-939542-01-8 Mit Beiträgen unter anderem von Nina Degele, Michael Gratzke, Andreas Kraß, Peter Rehberg und Andrea Rick. -------------------------------------------------------------------------------- James Steakley Anders als die Anderen Ein Film und seine Geschichte - Mit einem Beitrag von M. W. Weber und W. Burgmair 150 S. Br., zahlr. Abb., € 10,00 978-3-939542-43-8 Der Film «Anders als die Andern » aus dem Jahre 1919, das erste homosexuelle Filmwerk der Filmgeschichte (Magnus Hirschfeld), erzählt die Geschichte des Geigenvirtuosen Paul Körner und seines Schülers Kurt Sivers, der den Meister verehrt und sich immer mehr zu ihm hingezogen fühlt. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis wird durch einen Erpresser zerstört. Körner setzt sich mit einer Anzeige gegen den Erpresser zur Wehr, empfängt dabei jedoch auch selbst vor Gericht das Kainsmal des § 175. Als Künstler gemieden und sozial geächtet, begeht er Selbstmord. Magnus Hirschfeld, der im Film sich selbst spielt, hält Kurt Sivers davon ab, diesem Beispiel zu folgen: „Helfen Sie alle mit, dass bald der Tag anbricht, an dem solche Tragödien unmöglich sind, weil Wissenschaft über Vorurteile, Recht über Unrecht und Menschenliebe über Menschenhass den Sieg errungen haben!“ Der Film hat heftige Kontroversen ausgelöst, die dazu beitrugen, dass die junge Weimarer Republik schon bald neue Zensurbestimmungen für Filme erließ. In einer umgeschnittenen Kurzfassung ebenso verboten wie in der ursprünglichen Fassung, hat der Film nur durch Zufall in der (verstümmelten) Kurzfassung überlebt. James Steakley schildert die Diskussionen um den Film in der deutschen Presse und den politisch-parlamentarischen Weg zum Lichtspielgesetz von 1920 und vergleicht Inhalt und Struktur der ursprünglichen Langfassung des Films mit der Kurzfassung von 1927. Die Auswertung der unterschiedlichen Zeugnisse erlaubt nicht nur eine genaue Rekonstruktion des Films (die auch in der im Herbst 2006 veröffentlichten DVD ihren Niederschlag gefunden hat), sondern auch eine (film)historische Einordnung. -------------------------------------------------------------------------------- Invertito Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten, 8. Jahrgang 2006 Herausgegeben vom Fachverband Homosexualität und Geschichte e.V. 220 S., Br., € 17,00 978-3-539542-00-1 zurück nach oben -------------------------------------------------------------------------------- H i g h l i g h t s B e l l e t r i s t i k r o s a W i n k e l: Eine Liebe im faschistischen Neapel der 40er Jahre: Patroni Griffi, Der Tod der Schönheit, € 10,00 Das Kultbuch aus dem Berlin der 90er Jahre: Sollorz, Abel und Joe, € 10,00 Sprachmächtige Nestbeschmutzung aus den 80er Jahren: Foelske, Anatomie eines Gettos, € 15,00 Roman über Liebe, Freundschaft und Tod: Bram, Trauern um Angel Clare, € 16,50 -------------------------------------------------------------------------------- Elvira Klöppelschuh: Elvira auf Gran Canaria ca. 208 Seiten, Br., € 12,00 3-935596-43-X Mit tiefem Verständnis und großer Zuneigung, spitzer Feder, Spott und Ironie beobachtet Elvira das muntere Treiben am Strand und in den Dünen, in Cafes und Bars von Gran Canaria. Der Bestseller, der schon im Verlag rosa Winkel mehrere Auflagen erreicht hat, ist jetzt in neuer Ausstattung bei Männerschwarm wieder lieferbar! Elvira für Homosexuelle: Endlich raus! Mit Elvira raus aus den Zwängen des Alltags. All das genießen, was zu Hause manchmal schwer zu haben ist: vor allem aber rund um die Uhr unter unseresgleichen zu sein. Elvira ist eine von uns. Sie teilt unsere Sehnsüchte und schwadroniert ohne Rücksicht auf Verluste drauflos: Sie rät, bei der Suche nach dem Urlaubs-Lover nicht auf die Braungebrannten reinzufallen, weil die bestimmt bald abreisen. Sie weiß, was in das Strandtäschchen gehört und um welche Uhrzeit man sich wo im Yumbo-Center einzufinden hat. Sie kennt den Abschiedsschmerz, wenn der Lover zum Flughafen muss, weiß um Problemzonen, kennt Freud und Leid mit Müttern, Hunden und Heteros, mit denen wir auch im Urlaub zumindest am Rande zu tun haben. Elvira für Heterosexuelle: Schwule auf Reisen, auf Sylt, Mykonos oder Gran Canaria: wer wissen will, wie sie wirklich sind, hat hier ausreichend Gelegenheiten, sie zu beobachten. Und wer sich so nah nicht herantraut, dem öffnet Elvira Klöppelschuh die Augen. (Und ganz normal geht es ja auch am Ballermann nicht zu!) Link: Maspalomas, Gran Canaria -------------------------------------------------------------------------------- Erotische Gedichte in zweisprachiger Ausgabe: Verlaine, Männer – Hombres, € 15,00 Apokalyptischer Roman aus dem New York der frühen 80er Jahre: Navarre, Loukoum, € 10,00 Das Debut des renommierten Autors: Kröhnke, Ratten-Roman, € 10,00 Der Bestseller über eine Unschuld vom Lande in Berlin: Ismann, Das Landei € 12,50 Eine Sammlung von Klassikern amerikanischer Erotik-Literatur: Preston, Das Fleisch und das Wort, € 12,50 Ein Herzog träumt von schönen Jünglingen: August von Sachsen-Gotha, Ein Jahr ein Arkadien, € 16,00 Die »Bibliothek rosa Winkel«: H i g h l i g h t s Sachbuch /Wissenschaft r o s a W i n k e l: Leben und Werk von Josef Winkler: Linck, Halbweib und Maskenbildner, € 15,00 Leben und Werk von Hubert Fichte: Tiling, Hauchbilder der Erinnerung, € 10,00 Autobiografische Selbstzeugnisse aus dem 19. Jahrhundert: Müller, Aber in meinem Herzen sprach eine Stimme so laut, € 15,00 Sammelband mit sozialgeschichtlichen Forschungen: Lautmann (Hg.), Männerliebe im alten Deutschland, € 10,00 Homosexualität und literarische Öffentlichkeit im Jahrhundert religiöser Verfolgung und Pathologisierung (1750 - 1850): Derks, Die Schande der heiligen Päderastie, € 25,00 Zur Geschichte der frühen Schwulenbewegung: Hirschfeld, Von einst bis jetzt, € 16,00zurück nach oben -------------------------------------------------------------------------------- BACKLIST MännerSchwarm -------------------------------------------------------------------------------- Christine Wunnicke Missouri ca. 140 Seiten, Br., € 14,00 3-935596-44-8 "Brokeback Mountain" hat mit seiner Mischung aus hartem Männerleben und schwuler Liebesgeschichte ein Millionenpublikum zu Tränen gerührt. Dabei wissen die deutschen Leser seit Karl May, was für erotische Stimmungen nächtliche Ritte zu zweit hervorbringen können und wie innig Winnetou und sein weißer Bruder sich in die Arme schließen. An diesen deutschen Blick auf den Wilden Westen knüpft Christine Wunnicke mit ihrer Erzählung "Missouri" an. Die Zeit: Mitte des 19. Jahrhunderts, der Ort: irgendwo im Wilden Westen. Der englische Dichter Douglas Fortescue und sein Bruder Jeremy sind mit der Postkutsche unterwegs in ein neues Leben, doch plötzlich überstürzen sich die Ereignisse: Die Kutsche wird überfallen, und Fortescue wird von einer Räuberbande verschleppt. Wie der überfeinerte Dichter und sein wortkarger Entführer Joshua Jenkyns sich bei fettigem Grillfleisch, Läusesuchen und Kugelngießen millimeterweise näher kommen, wie sie schließlich Berührungen lernen, von denen sie bis dahin nicht die geringste Ahnung hatten, entfaltet Christine Wunnicke zu einer überaus romantischen Liebesgeschichte. Mit leisesten Andeutungen erschafft sie im Kopf des Lesers das Abbild einer sprachlosen Erkundungsreise in die Welt der Gefühle, deren Intensität sich gerade aus dem Ungesagten speist. Mit "Missouri" heben wir einen kleinen Schatz aus dem frühen Werk Christine Wunnickes. Mitte der 90er Jahre entstanden, wurde die Erzählung in leicht veränderter Form ein Teil ihres ersten Romans "Fortescues Fabrik" (Knaus 1998). Es ist uns eine besondere Freude, dieses Kabinettstück nun in überarbeiteter Form zu veröffentlichen. -------------------------------------------------------------------------------- Jossi Avni: Garten der toten Bäume 200 Seiten, Br., € 10,00 3-935596-87-1 Avni schreibt von der Engstirnigkeit der Landbewohner, von den krassen Gegensätzen der Generationen, von der emotional hochexplosiven israelischen Familie und den beinahe schüchternen Versuchen, ein selbstbestimmtes Leben in der modernen Welt zu erfinden, während die kulturellen Spuren der Vergangenheit noch überall sichtbar sind. Die Helden seiner Geschichten sind Teile dieser dynamischen Lebenssituation, und doch nicht ganz: Das erotische Interesse an anderen Männern schafft Distanz zum ganz normalen Leben. Auch wenn das Judentum im Unterschied zum Islam Homosexualität strikt verbietet, sind gelegentliche "Ausrutscher" bei der Partnerwahl in südlichen Ländern nichts Ungewöhnliches, vorausgesetzt, Gefühle bleiben aus dem Spiel. Wo allenfalls flüchtige Sexualkontakte hergestellt werden können, hat die Sehnsucht nach emotionaler Nähe kaum Aussicht auf Erfüllung und prägt somit die ganze Existenz. Melancholisch beschreibt Avni die mühevollen Versuche, einer sozialen Norm gerecht zu werden, die außer der Sicherheit vor Ausgrenzung wenig Positives zu bieten hat. In diesem Kontext gewinnt der Blick zurück in die Kindheit besondere Bedeutung, die Erinnerung an Freundschaften, die schnell getrennt wurden, aber auch an das kurze Glück, wenn Träume wahr zu werden schienen. Später sollen Auslandsreisen nach München und Berlin Luft verschaffen. Die Beobachtungen des israelischen Touristen sind frei von Erinnerungen an den Holocaust. Er findet sich in den deutschen Großstädten leicht zurecht, und in der schwulen Subkultur setzt er exotische Verhaltensweisen gekonnt zum Zweck der Anmache ein. Nur in der sicheren Distanz zur Heimat bekommt die Schilderung kultureller Eigenheiten etwas Augenzwinkerndes. "Der Garten der toten Bäume" ist ein Paradebeispiel dafür, wie die besondere Perspektive des sexuellen Außenseiters einen eigenen Blick auf seine Umgebung ermöglicht. Auf hohem sprachlichen Niveau vermittelt Avni dem Leser ein Gefühl für den Alltag der jungen Generation im heutigen Israel, vor dessen Hintergrund melancholische Liebesgeschichten und verträumte Kindheitserinnerungen ihren großen ästhetischen Reiz entfalten. Jossi Avni wurde 1962 als Sohn von Einwanderern aus Afganisthan und dem Iran in Israel geboren. Nach dem Studium von Geschichte und Rechtswissenschaften arbeitete er für kurze Zeit als Rechtsanwalt in Tel Aviv. Ein mehrjähriger Deutschlandaufenthalt hat ihn stark beeinflußt. "Der Garten der toten Bäume" ist sein erster Roman. -------------------------------------------------------------------------------- Lutz Büge Junge_von_nebenan ca. 250 Seiten, Gb., € 18,00 3-935596-88-X Junge_von_nebenan, Coolio, lustig_mit_fünfzig oder besoffen_und_strunzgeil sind einige der "Nicknames", unter denen schwule Männer in der virtuellen Welt der Chat-Räume schnelle Bekanntschaften suchen. Harald ist eine graue Maus, die nachts ihr wahres Gesicht zeigt, Stephan ist der spöttische Beobachter, der zu allem eine provozierende Bemerkung beisteuert, und Kevin hat im Chat die erste große Liebe gefunden und gleich wieder verloren. Seit einigen Jahren leiden Kneipen und Discotheken darunter, dass viele Menschen - schwul oder heterosexuell - die größte Zeit ihres Privatlebens zu Hause vor dem Computerbildschirm verbringen; die unendlichen Möglichkeiten des anonymen Gesprächs, in dem Phantasie und Wirklichkeit untrennbar vermischt sind, sind nun einmal verführerisch. Doch irgendwann muss auch der hartnäckigste Internet-Freak in die schnöde Realität zurückkehren ... Lutz Büge, der bereits mit mehreren Romanen als packender Erzähler hervorgetreten ist, vermittelt einen hautnahen Eindruck der Chat-Wirklichkeit, wo falsche Identitäten, plumpe Anmache und Gespräche über Kochrezepte eine täglich neue Melange hervorbringen. Er verfolgt eine Handvoll Chatteilnehmer durch eine lange Nacht, in deren Verlauf die meisten dann doch den Computer ausschalten und in Frankfurts Nachtleben die echte Begegnung suchen. So entsteht ein moderner "Sommernachtstraum" mit zahlreichen Gefühlsverwirrungen, die jedoch schließlich fast alle zu einem guten Ende kommen. -------------------------------------------------------------------------------- Eric Jourdan Schlimme Engel ca. 250 Seiten, Gb., € 18,00 3-935596-86-3 Pierre und Gérard sind Cousins, Abiturienten im Frankreich der 50er Jahre, und Eric Jourdan ist selbst gerade siebzehn Jahre alt, als er den Roman ihrer Beziehung schreibt. "Schlimme Engel" wird sofort von der Zensur verboten und erst 30 Jahre später neu aufgelegt. Jourdan, Adoptivsohn von Julien Green, hat hier zweifellos ein Ausnahmewerk geschaffen, das heutige Leser zu einer Zeitreise einlädt in eine vergangene Welt, deren Zauber unter einer leichten Patina nur umso schöner hervortritt. Die unzertrennlichen Cousins Pierre und Gérard werden wegen ihrer überwältigenden Schönheit bewundert und beneidet. Immer wieder sind sie Versuchen ausgesetzt, diesen provozierenden Glanz zu zerstören, der so gar nicht in den Alltag der 50er Jahre passt. So kommt es, dass die beiden ganz allmählich die Gewalt, die sie von außen erfahren, in die Rituale ihres Zusammenseins übernehmen. Jourdan schildert diese "bittere Schönheit" in einem lyrischen Tonfall, irgendwo zwischen Genet und Colette, und macht so die Lektüre dieses Romans zu einem exquisiten Erlebnis: "Gérard bräunte langsamer als ich, aber nach acht Tagen hatte er mich eingeholt, und wir waren alle beide so goldbraun, dass Mädchen und Jungen uns nachschauten, wenn wir durch die Stadt gingen, obwohl auch sie diese Schönheit besaßen, die das gemächliche Leben unter freiem Himmel verleiht. Allmählich verstand ich diese Blicke alle. Sie waren zuerst erstaunt und vereinten uns dann, Gérard und mich, in stummer Bewunderung: Von da an lebten wir in ihren Träumen und gehörten nicht mehr uns selbst." Gegenüber der Wohlanständigkeit und Betulichkeit der Erwachsenen folgen die beiden Jungen jedem Impuls, mag er noch so rücksichtslos anderen gegenüber sein. Sie halten sich für kleine Götter, denen alles erlaubt ist, und die Strafen, die darauf folgen, nehmen sie stoisch hin. Sie sind „Enfants terrible“ im Sinne Cocteaus. -------------------------------------------------------------------------------- Florian Mildenberger Beispiel Peter Schult Pädophilie im öffentlichen Diskurs, [Bibliothek rosa Winkel] 208 Seiten, Br., € 14,00 3-935596-40-5 Die sexuelle Befreiung, wie sie in den 1960er und 1970er Jahren angestrebt wurde, bezog auch das Thema "Sexualität mit Kindern und Jugendlichen" ein. Insbesondere an Peter Schult (1928-1984), linksradikal und Päderast, entzündeten sich heftige Debatten um linke Politik, Homosexualität und Pädophilie. Seit auch Aktivisten und Politiker linker und alternativer Parteien Pädophilie gleichsetzen mit Kindsmißbrauch, ist die Diskussion zum Erliegen gekommen. Das Buch möchte dazu beitragen, diese Diskussion neu zu beginnen. Es informiert im ersten Teil über den wissenschaftlichen Diskurs zum Thema Pädophilie seit Ende des 19. Jahrhunderts und erinnert im zweiten Teil an die politischen Debatten der 70er und 80er Jahre um die Person Peter Schult. - Der homosexuelle Pädophile als Feind jeder organisierten Gesellschaft - Peter Schults langer Marsch in die Revolution: 1928 - 1975 - Die Jahre der Entscheidung: 1976 - 1984 - Grüne, "Linke" und die Pädophilie nach 1985 -------------------------------------------------------------------------------- Homosexualität in der DDR Materialien und Meinungen herausgegeben von Setz [Bibliothek rosa Winkel] 150 Seiten, Br., € 14,00 3-935596-42-1 41 Jahre DDR - eine abgeschlossene Epoche. Dennoch: die Geschichte der Homosexuellen in dieser Gesellschaft ist noch nicht geschrieben. Das vorliegende Buch bietet dazu Materialien und Meinungen: Bert Thinius schildert Erfahrungen schwuler Männer in der DDR und in Deutschland Ost, Olaf Brühl hat eine subjektive Chronologie des Diskurses über männliche Homosexualität zusammengestellt, Florian Mildenberger schildert die Metamorphosen eines in der DDR und in der BRD-neu hoch geehrten Wissenschaftlers: Günter Dörner ("Ratten-Dörner"). Die Staatssicherheit interessierte sich nicht erst in den 1980er Jahren für die Homosexuellen, sondern machte sich schon in den 50er und 60er Jahren Gedanken darüber, welche "Typen von Homosexuellen" nachrichtendienstlich von Interesse waren. -------------------------------------------------------------------------------- Peter Schult Besuche in Sackgassen Aufzeichnungen eines homosexuellen Anarchisten [Bibliothek rosa Winkel] 280 Seiten, Br., € 16,00 3-935596-41-3 In dieser erstmals 1978 erschienenen Autobiographie erzählt Peter Schult aus einem wahrhaft bewegten Leben: begeisterter Hitlerjunge und Teil des letzten Aufgebots im Dritten Reich, Edelweißpirat und Schwarzhändler im Chaos der Nachkriegsjahre, bürgerlicher Politfunktionär in der jungen Bundesrepublik, Fremdenlegionär und schließlich politischer Journalist und Schriftsteller und als solcher Mitgestalter und Gegenstand zugleich politischer und sexualpolitischer Debatten. -------------------------------------------------------------------------------- Tim Steiger Hausbesuche ca. 144 Seiten, Br., € 12,50 3-935596-99-5 Amor ist unberechenbar, und das ist gut so - unverhoffte Glückserlebnisse machen nun einmal besonderen Spaß. Von solchen Überraschungen schreibt Tim Steiger in diesen Geschichten: Für einen Moment wird die Ordnung der Dinge gestört, das Unerwartete geschieht, und danach sieht die Welt ganz anders aus. Dieser neue Band unserer kleinen Erotik-Reihe widmet sich mit viel Liebe den Situationen, in denen zwei junge Männer aufeinandertreffen. Das verlorene Landei in der Großstadtdisco, der Oberschüler am Hafen, der Punk, dem man beim Einkaufen begegnet - Tim Steiger lässt der Phantasie Zeit, sich die Umstände einer Begegnung auszumalen, und auf die eigene Phantasie kommt es schließlich in erster Linie an. Eine neuer Tonfall, der augenzwinkernd die Idylle sucht und findet. -------------------------------------------------------------------------------- Veit J. Schmidinger "Wo freilich ich ganz daheim sein werde ..." Klaus Mann und Frankreich ca. 240 Seiten, Gb., € 19,00 3-935596-89-8 Die Suche nach dem Leben treibt Andreas, den Held in Klaus Manns erstem Roman, fort aus seinem großbürgerlichen Elternhaus - Richtung Berlin. Doch Berlin, das "Eldorado" der zwanziger Jahre, bleibt nur eine Zwischenstation, "Der fromme Tanz" endet in Paris. Hand in Hand geht Andreas mit seinem Freund durch die Stadt, bis er ganz plötzlich allein zurückbleibt. Schon früh wird Paris für Klaus Mann zum Fluchtpunkt seiner Sehnsucht. Er kennt die moderne französische Literatur, lernt Crevel und Cocteau kennen, verehrt besonders André Gide. Ende der zwanziger Jahre werden die Künstlerzirkel in Paris zu Klaus Manns zweiter Heimat, später wird Frankreich zum Ort des politischen Kampfs gegen die Nationalsozialisten, des Scheiterns der Volksfront, und schließlich des Freitods in Cannes. Im Spiegel Frankreichs sucht, findet und verliert Klaus Mann sich immer wieder - auf ganz verschiedene Art und Weise. Wenn Veit Schmidinger Leben und Werk des Autors unter diesem Aspekt betrachtet, erweist sich dies als äußerst produktiv: Dem bekannten Bild Klaus Manns als Europäer und Kosmopolit werden überraschende Facetten und interessante Brechungen hinzugefügt. -------------------------------------------------------------------------------- Waldschlösschen mitten drin Ein Lesebuch 167 Seiten, Br., € 15,00 3-935596-45-6 "Ob Lehrer, Mediziner oder Juristen, ob Theologen, Literaten, Führungskräfte oder AIDS-Akteure: sie alle haben ihren eigenen unverwechselbaren 'Stallgeruch' hier eingebracht. Aber eines haben sie doch gemeinsam: Das Waldschlösschen, dieses unausdeutbare Phänomen, hat sie alle im Griff." Was hat es mit diesem Phänomen Waldschlösschen auf sich? Als diese einzigartige Bildungsstätte vor 25 Jahren ihre Räume öffnete, trafen sich in alternativem Ambiente die Aktivisten einer jungen, kämpferischen Schwulenbewegung, war sie autonome Einrichtung einer widerständigen Gegenöffentlichkeit. Heute ist sie Akademie mit komfortabler Unterbringung, wird von einer Stiftung getragen und hat als Heimvolkshochschule ihren Platz in der "am Gemeinwohl orientierten" staatlich geförderter Erwachsenenbildung gefunden. Emanzipation und Partizipation sind die Schlüsselwörter einer Bildungsidee, der die Pioniere des Waldschlösschens damals wie heute verpflichtet sind. "Waldschlösschen mitten drin" - das bedeutet Bildungsarbeit, Seminare und Veranstaltungen über schwule Identität, die Situation am Arbeitsplatz oder den Umgang miteinander, über Aids, die Probleme von Angehörigen oder die Herausforderungen an Schulen und Sozialarbeit. So dokumentiert dieses reichbebilderte, mit einer durchgängigen Chronik versehene Lesebuch, wie sich eine politische Bewegung und die schwullesbische Community innerhalb dieser Gesellschaft entwickelt haben, wie die Akademie zur Akzeptanz verschiedener Lebensstile und zur Neugier auf das Fremde als Bereicherung beigetragen hat und dies weiterhin tut. -------------------------------------------------------------------------------- Der neue Ralf-König-Comic nach „Poppers" und „Suck my Duck" Ralf König kommt auf das komische Potenzial historischer Stoffe zurück: Was geschah bei den Olympischen Spielen wirklich, wie verbrachten die Griechen die lange Wartezeit im Trojanischen Pferd, wie nervtötend kann ein schöner Narziss auf seine Umgebung wirken? Und auch in der Gegenwart haben die schrägen Knollennasen ihre Probleme: das Thema «Alter» macht sich bemerkbar und beschert ihnen neuartigen Lustgewinn beim Herausnehmen dritter Zähne und die heimlichen Schrecken von Faltencreme-Proben und Lifting-Diskussionen. Außerdem dabei: Kinderstress, Mütterstress, betrunkene Weihnachtsengel und die erste Meise des Frühlings. Ralf König: Trojanische Hengste 64 S., Br., alles in Farbe, € 12,00 2005 war ein gutes Jahr für Ralf König: die italienische Ausgabe von «Bullenklöten» wurde mit dem nationalen Comicpreis ausgezeichnet, und in Frankreich sorgte die Verleihung des «Prix Angoulème» für besondere Aufmerksamkeit. In Deutschland nahm Sabine Peters für den «Freitag» noch einmal sein Gesamtwerk unter die Lupe: Ralf König macht Ernst mit seiner Arbeit als Komödiant. Was er seinen Lesern bietet, ist freche, intelligente und übrigens auch sehr reflektierte Unterhaltung. Wie schafft es einer, der gelegentlich als heterofeindlich, frauenfeindlich, ausländerfeindlich, tuntenfeindlich, eltern- und kinderfeindlich bezeichnet wird, dass seine Bücher von so vielen unterschiedlichen Leuten genussvoll verschlungen werden? Ein Wirbel aus Peinlichkeiten, Missverständnissen und Katastrophen – und plötzlich ist man mitten drin in der Komödie... -------------------------------------------------------------------------------- Belletristik: Ota Klingberg Der Ring aus dem Schwedischen von Ludger Wedding 380 S., Gb., € 19,90 Der Autor ist Schwede, lebt aber in den USA, wo dieser Roman auch spielt: Ein Schwede in New York, ein Schwarzer Ende 20/ Anfang 30 namens James, sein verstorbener Freund Raymond und Wagners „Ring", der sich als Strukturmuster für die erzählte Handlung herausstellt. Die Handlung zeigt drei Figuren, die auf der Suche nach „ihrem“ Verhältnis zur Welt und den Menschen darin sind: James hat sein Leben im Griff, hält aber nichts von sexueller Treue. Er begreift seine Sexpartner nicht als „Eroberungen", sondern als eine ständig wachsende Bruderschaft von Menschen, die einmal miteinander intim gewesen sind. Für ihn ist Sex eine Art, Menschen kennen zu lernen, und die Neugier treibt ihn immer weiter; sobald der Reiz des Neuen verblasst, lässt sein sexuelles Interesse nach. Seine Menschenliebe ist mehr auf die Allgemeinheit als auf den einzelnen Menschen ausgerichtet. Raymond, mit dem er lange Zeit befreundet war, spinnt sich ganz in die Welt seiner literarischen Fantasien ein und kriegt im praktischen Leben nichts geregelt. Er begreift sich als Schriftsteller, produziert aber nur unvollständige Texte und verdient seinen Lebensunterhalt durch das Übersetzen von Groschenromanen- Bei Raymond ist die Suche nach dem Neuen ebenso stark wie bei James, aber er hat gar nicht das Bedürfnis, dieses Neue zu leben oder auch nur zuende zu denken, sein Interesse erlahmt ebenso schnell wie James' Lust an neuen Liebhabern. Zwischen James und Raymond entsteht so etwas wie echte Freundschaft, aber James fühlt sich in seinem geordneten Leben durch Raymonds Chaos bedroht, für ihn ist die Ordnung wichtiger als diese Beziehung. Der chaotische Raymond dagegen zerbricht an der Trennung von seinem Freund. Der Schwede Ola lernt James kennen, nachdem Raymond bereits tot ist. Da er mit seiner eigenen schwulen Ehe in der Krise steckt, ist er neugierig auf diese fremde Beziehung- Ola hat mit seinem Freund in trauter Zweisamkeit zurückgezogen gelebt und nicht einmal am schwulen Leben teilgenommen. Für ihn ist alles neu, was er hier erfährt, und er verliebt sich allmählich in den liebenswürdigen James, aber der macht ihm klar, dass er erst einmal sein eigenes Leben in Ordnung bringen soll. Keiner der drei ist dazu bereit, sich auf die Umwelt wirklich einzulassen, jeder von ihnen benutzt nur die Teile davon, die ihn interessieren und so lange sie ihn interessieren. Daher träumen alle drei von einem großen Glück (James will sogar Kinder haben), und alle müssen erleben, dass sie nur das bekommen, wofür sie auch zu „bezahlen" bereit sind. Alle drei Figuren sind in der schwulen Welt völlig anerkannte Menschentypen, niemand benimmt sich selbstsüchtig oder als Schwein den anderen gegenüber, aber ebenso geht niemand Verantwortung für andere ein. -------------------------------------------------------------------------------- Gedichte Marcus Brühl Spielzeug 64 S., Br., € 14,00 Brühl ist durch den Roman „Henningstadt" und den Erzählband „Lars" vielen Lesern bekannt. Schon bevor er als Prosa-Autor hervortrat, hatte er zahlreiche Gedichte veröffentlicht, u.a. in einer eigenen Veröffentlichung unter dem Titel „Atemlicht geräuschlos“ An diese Veröffentlichungen knüpft er mit einer neuer Sammlung von 50 Gedichten an. Die Gedichte beschreiben in klassischer Tradition kleine Wahrnehmungen und Stimmungen, wobei der Tonfall der Prosatexte immer wieder durchschimmert. den winter im mantel kommst du den berg hoch trittst ein legst ab und überall in der wohnung ist winter willkommen -------------------------------------------------------------------------------- Einhand-Literatur Jo Perridge Die Seilschaft 144 S., Br., € 12,50 Erzählt werden drei Tage einer Bergbesteigung im Winter. Die Helden sind zwei „richtige Männer", die nach einem Kälteeinbruch den Schlafsack teilen, um sich warm zu halten, was zu unerwarteten Ereignissen führt. An den weiteren Tagen bis zur sicheren Rückkehr werden verschiedene Szenarios gegenseitiger Machtspiele durchexerziert: Sean will seinen nächtlichen „Ausrutscher“ am nächsten Tag nicht mehr wahrhaben und wird von seinem Partner nach allen Regeln der Kunst unterworfen, wofür er sich rächt, als der sich den Knöchel verstaucht und auf seine Hilfe angewiesen ist. Auch als die beiden Ihr Verhältnis schließlich klären, spielt es für ihre Beziehung weiterhin eine große Rolle, den anderen an immer neue Grenzen zu führen. Wie in mittelalterlichen Sagen, wo der Held den Stolz einer schönen Frau brechen muss, kommt eine Konstellation des sich gegenseitig einfach nett und geil Findens für beide nicht in Frage; der immer neu zu brechende Widerstand stellt gerade die Quelle der erotischen Erregung dar. -------------------------------------------------------------------------------- 100. Geburtstag Klaus Manns am 18. November 2006 Mit Band 4,2 jetzt komplett: Klaus-Mann-Schriftenreihe Neuauflage aller Bände als Paket, zusammen € 280,00 (Festabnahme) ISBN 3-935596-98-7 Viele Größen der europäischen Literatur lernte Klaus Mann schon als Kind in seinem Elternhaus kennen. Einerseits litt er darunter, stets "der Sohn" zu sein, andererseits eröffnete es ihm schon früh Welten, der Sohn Thomas und der Neffe Heinrich Manns zu sein: Welten, in denen er sich souverän bewegte, die er um seine eigenen Horizonte erweiterte, von denen er sich abgrenzte. Egal ob in Berlin, Hamburg oder Paris, in Amsterdam, Prag, Moskau oder New York - Klaus Mann war in engem Kontakt zu Menschen, die die geistigen Strömungen der Zeit repräsentierten und die auf die politischen Entwicklungen Einfluß nahmen. Mit neunzehn Jahren veröffentlicht Klaus Mann sein erstes Buch: die Erzählungen «Vor dem Leben», gefolgt von seinem ersten Roman «Der fromme Tanz». Mit Verve reklamiert er in seinem «Coming-out», die Rechte der Jugend. Mit «Kind dieser Zeit» legt er 1932 seine erste Autobiographie vor und veröffentlicht im gleichen Jahr «Treffpunkt im Unendlichen», das aufregende Bild einer «verlorenen Generation» am Vorabend des Nationalsozialismus. Klaus Mann begibt sich einerseits in den Bann seiner Drogenerfahrung und ist andererseits bereit, politische Verantwortung zu übernehmen. 1933 geht er ins Exil und tut das ihm Mögliche, die nun in Europa und Amerika zerstreuten Autoren der Emigration zusammenzuhalten, die ganz unterschiedlich eingestellten Persönlichkeiten im antifaschistischen Kampf zu einen. Das Scheitern der Volksfront und der immer wahrscheinlicher werdende Krieg führen zu ersten großen Depressionen. 1937 geht Klaus Mann nach Amerika. Hier erscheinen der große Exilroman «Der Vulkan», seine zweite Autobiographie, «The Turning Point», und «Andre Gide and the Crisis of Modern Thought», bevor er als Soldat der US-Armee nach Europa zurückkehrt. Der Sieg über Nazi-Deutschland ist für ihn mit zwei deprimierenden Erfahrungen verbunden: Die Allianz gegen Hitler zerbricht in zwei politische Lager und in Deutschland gilt der Exilant nichts. Klaus Manns Bücher und seine Stimme sind nicht gefragt. Am 21. Mai 1949 nimmt Klaus Mann sich in Cannes das Leben. Die «Klaus-Mann-Schriftenreihe» zeichnet den Lebensweg des Autors nach, spürt das Wechselspiel von den persönlichen und zeithistorischen Umständen auf. Vier Jahrzehnte haben die Autoren recherchiert, umfangreichen Korrespondenzen und persönlichen Gesprächen geführt. Auf diese Weise konnten sie die autobiografischen Zeugnisse Klaus Manns und die vorhandenen, bruchstückhaften Faktensammlungen mit zahlreichen substanziellen Daten, Namen, Milieu- und Hintergrundinformationen bereichern. Vor diesem Hintergrund leisten sie auch eine umfassende Analyse des Gesamtwerks. Die Schriftenreihe ist mehr als eine Biographie, mehr als ein Klaus-Mann-Forschungsbericht. Sie präsentiert ein halbes Jahrhundert Zeitgeschichte im Fokus einer einzigartigen Persönlichkeit. Gestartet wurde die Schriftenreihe» in den siebziger Jahren in der eigens dafür gegründeten "Edition Klaus Blahak". Damals führten die Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Essays von Klaus Mann noch eine Randexistenz in der deutschen Literatur,. Der abschließende sechste Band erschien 1996 - es klaffte jedoch die Lücke der Jahre 1934 - 1937, es fehlte der Teilband 4.2. Die Bände 2 und 3 sind seit Jahren breits vergriffen. Mit dem Nachdruck der vergriffenen Bände und der Neuerscheinung des Bands 4.2 liegt die Klaus-Mann-Schriftenreihe im Jahr 2006 erstmals vollständig vor. Erstmals wurde für diesen Band auch die bisher für die Öffentlichkeit gesperrten, unveröffentlichten Tagebücher Klaus Manns eingesehen. Die Klaus Mann Schriftenreihe: «Bei weitem das Erschöpfendste, was je über diesen human case geschrieben wurde.» Golo Mann Band 1: Bibliographie mit einem Vorwort von Klaus Blahak Erstausgabe 1976, 211 Seiten, € 20,00 ISBN 3-935596-91-X Band 2 1906-1927: Unordnung und früher Ruhm Erstausgabe 1977, 204 Seiten, € 24,00 ISBN 3-935596-92-8 Band 3 1927-1933: Vor der Sintflut Erstausgabe 1979, 256 Seiten, € 28,00 ISBN 3-935596-93-6 Band 4.1 1933-1934: Repräsentant des Exils Sammlung der Kräfte Erstausgabe 1992, 389 Seiten, € 44,00 ISBN 3-935596-94-1 Neuerscheinung Frühjahr 2006: Band 4.2 1934-1937: Im Zeichen der Volksfront € 72,00 ISBN 3-935596-95-2 Subskribenten der Erstausgabe erhalten diesen Band zum Preis von € 60,00 ISBN 3-935596-90-1 (Subskription) Band 5 1937-1942: Trauma Amerika Erstausgabe 1986, 493 Seiten, € 52,00 ISBN 3-935596-96-0 Band 6 1943-1949 Der Tod in Cannes Autoren: Fredric Kroll und Klaus Täubert Erstausgabe 1996, 815 Seiten, € 78,00 ISBN 3-935596-97-9 Veranstaltungen mit dem Herausgeber der Klaus-Mann-Schriftenreihe In Deutschland gibt es sicherlich nur wenige Menschen, die so umfassend über Leben, Werk und persönliches Umfeld von Klaus Mann informiert sind wie der in Freiburg lebende Amerikaner Dr. Fredric Kroll. Fredric Kroll wurde 1945 in New York geboren, kam 1969 in die Bundesrepublik und lebt in Freiburg. Der Komponist und Germanist promovierte 1973 über Klaus Mann. Nach seiner Dissertation über Klaus Mann nahm er das Projekt der Klaus-Mann- Schriftenreihe in Angriff, das nun, nach dreißig Jahren, endlich zum Abschluss gebracht wurde. Im Zuge seiner Recherchen führte Kroll zahllose Gespräche mit Freunden und Bekannten Klaus Manns, über die er auf ausgesprochen unterhaltsame Weise zu berichten weiß. Fredric Kroll steht für Veranstaltungen gern zu Verfügung. Neben Lesungen von Auszügen aus den Bänden der Schriftenreihe können wir vier thematische Vorträge anbieten: 1. Ein Konzert für Klaus Mann Kroll liest Passagen aus den Tagebüchern und den dichterischen Werken Klaus Manns, die Musik und Musiker schildern, kommentiert sie und führt die entsprechenden Kompositionen auf CD vor. Es werden Werke vor allem von Tschaikowsky, aber unter anderem auch von Mahler, Bach, Mozart und Eduard Künnecke gespielt, in historischen Interpretationen u